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Erschienen in der Weltwoche vom 17. September 1998

Und wieder kommt ein Umzugstermin auf uns zu. Ratgeber und Psychologen
warnen vor unheimlichen Gefahren und geben Tips

Werfen Sie am besten alles weg!

Sind genug männliche Helfer im Einsatz, tut eine Frau gut daran, sich nicht fürs Schleppen
anzubieten. Das ist (und bleibt) reine Männersache.

Von Fabrice Müller

Eine Freundin, die kürzlich mit ihrem Partner zusammenzog, machte schon vor dem Umzug klar: «Niemals wird es bei uns zu Hause so aussehen wie in deiner Horrorecke, wo selbst Draculas Fledermäuse Reissaus nehmen würden.» Beim Umziehen werden seelische Gräben aufgerissen, so ist es nicht verwunderlich, dass das Thema in unzähligen Ratgeber-Büchern durchgekaut wird - so etwa in «Umzug - kein Problem!» (Humboldt Taschenbuch, München) von Hermann Meier.

Bei Meier beginnt das Umziehen mit Abschiednehmen: «Wer ein gutes Verhältnis zur Nachbarschaft gepflegt hat», sollte feiern, «bevor man anfängt, einzupacken». Doch halt! Lauert hier nicht bereits eine weitere Beziehungskrise? Könnte hier nicht das uralte Problem wieder an den Tag kommen, das schon bei den Hochzeitsvorbereitungen zu hitzigen Diskussionen führte? Wen laden wir ein? Nur Nachbarn oder auch seine und ihre Freunde? - «Aber bitte nicht deine Stammtischkollegen», meckert sie, «und was ich von deinen Kumpels vom Fussballverein halte, weisst du ja.» Kontert der Mann: «Diese Tratschtanten vom Frauenturnverein kommen mir erst recht nicht in die Wohnung und auch nicht diese eingebildete Möchtegern-Steffi-Graf vom Tennisklub.»

Hat man den Apéro mehr oder weniger gut über die Runden gebracht, sollte man sich Gedanken zur Umzugsorganisation machen. «Gehen Sie vom Keller bis zum Dachboden jeden Raum durch», rät uns Meier. «Werfen Sie alles weg, was wertlos, defekt oder sonstwie unbrauchbar ist.» Merke: Wer radikal entrümpelt, hat weniger zum Umziehen. Doch im schlauen Buch steht nicht, dass sich meist die Frau mit dem Entrümpeln herumschlägt (der Mann muss schliesslich den ganzen Tag arbeiten...) und dass die Frau dabei die genetische Neigung hat, wertvolles Sammelgut (etwa nie gelesene Zeitschriften der letzten zehn Jahre, wichtige Diplome und Medaillen aus der Jugendzeit) für Müll zu halten und zu entsorgen. Wie gewisse Männer darauf reagieren, muss hier nicht ausgeführt werden.

Endlich-daheim-Gefühl
Die Zeit des Aufräumens und Packens ist bestens geeignet, die Kleinen auf den Wohnungswechsel vorzubereiten. «Überlassen Sie die Entscheidung, welche Spielsachen mit in die neue Wohnung kommen und welche nicht, getrost den <Betroffenen>; desto leichter fallen den Kindern der Ortswechsel und Ihnen die damit verbundenen Konflikte», so Meier. Die Wiener Psychologin Gisela Gerber hat festgestellt, dass Kinder vor und nach Umzügen oft verhaltensgestört sind. Symptomatisch sind Stottern, Sprachblockierungen und Bettnässen. Kinder haben Angstträume und entwickeln starke Aggressionen gegen Personen und Spielsachen. «Daher sollten Kinder lange vorher über den Umzug informiert werden. Die Gründe des Ortswechsels sollten mit ihnen besprochen werden, um ihnen das Gefühl zu geben, am Entscheidungsprozess beteiligt zu sein.» In der Woche des Umzugstermins verfallen die meisten in hektische Betriebsamkeit. In dieser Zeit ist Kommunikation wichtig. Nur leider findet sie nicht immer statt. «Dass Männer nicht zuhören können, ist die wichtigste und häufigste Klage, die Frauen über ihre Partner vorbringen. Ein Mann hört einer Frau ein paar Minuten zu, stellt fest, worüber sie sich aufregt, setzt dann stolz seine Heimwerkermütze auf und bietet ihr eine Lösung an», schreibt der weit über die Vereinigten Staaten hinaus bekannte Paar- und Familientherapeut John Gray in seinem Bestsellerbuch «Männer sind anders, Frauen auch». Der Therapeut gibt gleich ein Beispiel, wie die Frau unwissentlich ihren Mann ärgern kann: «Du solltest den Sanitärinstallateur bestellen. Der wird wissen, was zu tun ist.» Einem Mann ungefragt Ratschläge zu erteilen - so erfahren wir - heisst, davon auszugehen, dass er allein nicht weiterkommt. «Für Männer ist das ein wunder Punkt, denn kompetent zu sein, ist für sie das Allerwichtigste», erklärt Gray. «Männer sind stolz darauf, Experten zu sein, besonders wenn es um Reparaturen, das Finden von Orten oder das Lösen von Problemen geht.»

Zum Umzug gehört die Planung der Möbelstandorte in der neuen Wohnung. «Wollen Sie ganz perfekt sein, so erstellen Sie sich ein dreidimensionales Modell aus festem Karton. Sie können dann die Wirkung der Möblierung viel anschaulicher und unmittelbarer erleben», schlägt Meier vor. Über die Möblierung scheiden sich allerdings häufig die Geister. Wer mit seinem Partner zusammenzieht, muss sich auch in Sachen Möbel auf einen gemeinsamen Geschmack einigen. Ernsthafte Schwierigkeiten können auftreten, wenn zwei gegensätzliche Vorstellungen aufeinanderprallen.

Deshalb stehen auch die menschlichen Grundbedürfnisse wie Geborgenheit und Komfort im Mittelpunkt der Philosophie des amerikanischen Designerehepaares Charles und Ray Eames. Damit sich die neuen Wohnpartner nicht auseinanderleben, bevor sie sich aneinander gewöhnt haben, entwickelten sie Projekte, bei denen die Betrachter die Schönheit im Alltäglichen finden sollen. Am Umzugstag fällt es schwer, sich an der Schönheit im Alltäglichen zu erfreuen. Steht der Möbelwagen vor der Tür, kann der Mann seine Fähigkeiten entfalten. Es gilt, Möbel und Schachteln zu schleppen, denn meist ist der Lift entweder zu klein, gerade defekt oder gar nicht vorhanden. Sind genug männliche Helfer im Einsatz, tut eine Frau gut daran, sich nicht fürs Schleppen anzubieten. Das ist (und bleibt) reine Männersache. Beim Entladen neigen viele zu übertriebener Hast. Das «Endlich-daheim-Gefühl», die meist schon fortgeschrittene Tageszeit und die lange Fahrt lassen vor allem bei Hobbypackern Geduld und Sorgfalt schwinden. «Für Sie als erantwortliche(n) gilt es daher, Hektik abzubauen und für reibungsloses, planmässiges Arbeiten zu sorgen», so Meier. Das Einrichten der Küche sollte der Mann der Frau überlassen. Beim Umzug kommt für ihn die Küche einer Art «danger zone» gleich: Jegliches Einmischen männlicherseits könnte ihr Blut zum Kochen bringen, was sich auch auf den Speiseplan auswirkt. Apropos Essen: Damit die Arbeitsmoral einigermassen konstant bleibt, sollten Sie Ihren Helfern einen Imbiss anbieten. Es muss ja kein Erstklassmenü sein: Salate, Sandwiches und belegte Brötchen tun’s auch. Auch Getränke müssen in ausreichender Menge bereitstehen - sonst bleiben Bemerkungen über «trockene Luft» nicht aus. Aber Achtung: Bieten Sie keinen Alkohol an - es handelt sich schliesslich um Ihr wertvolles Eigentum. Ist der Spuk endlich vorbei, die Wohnung einigermassen eingeräumt und die letzte Kartonschachtel im Keller, wird man sich erstmals richtig bewusst, dass ein neuer Lebensabschnitt begonnen hat. Eine Situation, die - so sind sich unsere Ratgeber einig - erst einmal emotional bewältigt werden muss. Spätestens dann, wenn sich beim Frühstücken die Staubflocken auf dem Marmeladenbrötchen niederlassen, sollte man daran denken, wieder zur Tagesordnung überzugehen.