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Erschienen in der Weltwoche am 23. Juli1998

Nirgendwo Liebe auf den ersten Blick

Wer hat die beste Strassenbahn: Basel, Bern oder Zürich? Bequemlichkeit, Warnglocken, Wagenführer, Stationsansagen und Höflichkeit im Vergleich

Die Zürcher achten so genau auf den Fahrplan, dass sie oft kein Herz für herankeuchende
Fahrgäste haben.

Von Fabrice Müller

Viele Menschen pflegen eine ganz besondere Beziehung zu ihrer Strassenbahn. Sie ist so etwas wie ein kollektives Identifikationsmittel. Nur so lässt es sich erklären, warum viele Leute tagtäglich etliche Minuten bei einer verlassenen Tramhaltestelle verbringen und auf den Kurs X warten, wo doch Zeit überall so knapp ist. Stefan Appenzeller beschreibt in seinem Buch «Basel und sein Tram» diesen Umstand treffend: «In den hundert Jahren ihres Bestehens haben die BVB rund 6,5 Milliarden Fahrgäste befördert. Nimmt man an, dass jeder Fahrgast durchschnittlich drei Minuten auf das Tram gewartet hat, so wartete die Kundschaft zusammengerechnet rund 37000 Jahre an den Haltestellen. An einem gewöhnlichen Werktag hält sich die BVB-Kundschaft also etwa zweieinhalb Jahre an den Haltestellen auf.» Diese Sympathie für das Tram ist jedoch keine Liebe auf den ersten Blick. Man erinnere sich an die fünfziger und sechziger Jahre, in denen in Basel der «Tramkrieg» tobte, und es auch in Bern und Zürich ähnliche Konflikte gab. Die Forderung, die alten, sperrigen und verkehrsbehindernden Vehikel durch moderne Trolleybusse zu ersetzen, fand immer mehr Zustimmung. Anhänger und Gegner des Trambetriebs lieferten sich einen erbitterten Kampf. In Basel galt das Tram als «Volksverkehrsmittel» und wurde vor allem von der SP massiv verteidigt. In Bern fuhren bereits seit 1924 Omnibusse als Konkurrenzangebot zur Strassenbahn. Und auch andere Städte wollten auf die wendigen Busse nicht verzichten, trennten sich von ihren Strassenbahnen und läuteten die Trolleybus-Ära ein. In Basel, Bern und Zürich fand man eine Kompromisslösung, die ein friedliches Nebeneinander von Tram und Bus vorsieht. Heute wird in immer mehr Städten der Schweiz wie auch Europas das Tram als zweckmässiges und modernes öffentliches Verkehrsmittel geschätzt: «Zürich darf sich glücklich schätzen, dass es nicht dem Trend verfallen ist, die Schienen herauszureissen und voll auf Pneufahrzeuge zu setzen», sagte einmal Rolf A. Künzle, Direktor der Verkehrsbetriebe Zürich.

Es stellt sich die Frage: Wie haben die Verkehrsbetriebe ihre Fahrgäste nur so weit gebracht, dass diese derart an den grünen, blau-weissen oder grün-weissen Trams und Bussen hängen? Zum Beispiel in Basel: Machen es vielleicht die freundlichen Tramführer (und Tramführerinnen) mit den dunklen Sonnenbrillen aus? Die weichen blauen Kunststoffsitzbezüge? Die gelben Basilisken im BVB-Wappen? Oder die Tatsache, dass in Basel ein Kurzstreckenbillet nur 1.80 Franken kostet (in Zürich muss man 2.10 Franken dafür hinblättern)? Wieso hängen die Leute in Zürich so an ihrer Züri-Linie? Etwa, weil sie so schön blau-weiss daherkommt? Weil man im Tram immer die neueste Ausgabe des Tagblatts der Stadt Zürich findet? Weil in den neuen Fahrzeugen atmungsfähige Sitzbezüge aus Stoff auf die gestressten Fahrgäste warten? Oder weil die Tramführer in Zürich immer so peinlich genau auf den Fahrplan achten _ und deshalb oft kein Herz für herankeuchende Zuspätkommende haben?

Und was ist mit den Bernern? Finden sie ihre Trams und Busse so toll, weil sie sich so elegant durch die Spital- und Marktgasse schlängeln können? Weil ein Kurzstreckenbillett der SVB noch billiger ist als eins in Basel, nämlich 1.50 Franken? Weil es in Bern nur «unklug» ist, mit dem Chauffeur zu sprechen, in anderen Städten dagegen verboten? Oder vielleicht weil die Trams dort alle eine «besonders schnell funktionierende Notbremse» besitzen? Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass die öffentlichen Verkehrsmittel den Charakter der Stadtbevölkerung widerspiegeln. Zürcher zum Beispiel werden bekanntlich gern als arrogant, unfreundlich, Möchtegerngrossstädter bezeichnet. Der Ausdruck «arrogant» trifft sicher auf die Warnglocke der Tramfahrzeuge zu. Weder in Basel noch in Bern wird der kopflose Fussgänger oder der verwirrte Autofahrer mit einer derart giftigen Klingel auf den Boden der Realität zurückgeholt wie in Zürich. Gleichwohl benützen gemäss VBZ acht von zehn Stadtbesuchern den öffentlichen Verkehr, obwohl viele von ihnen vermutlich bereits unzählige Male von der Klingel zu Tode erschreckt wurden. Auch sonst ist das Klima in den Trams und Bussen der VBZ nicht sonderlich herzlich. Die Stationsansagen erfolgen meist auf schriftdeutsch _ was der Verständlichkeit dient, nicht aber der Publikumsnähe. Vielleicht muss das aber so sein, in einer «Grossstadt»... Trotzdem: Ein vermehrter Kontakt zwischen den Fahrgästen und den Tram- und Buschauffeuren _ zum Beispiel mit einem «Ich-wünsche-Ihnen-noch-einen-schönen-Tag» _ könnte das Klima wesentlich verbessern (besonders am frühen Morgen). Dieses Manko machen die VBZ mit ihrem grossen Linienangebot, der vorbildlichen Fahrplandichte und den günstigen Abonnementspreisen wieder wett. Und das 19 Stunden am Tag.

Keine Bermudas für Männer
Auch in Sachen Pünktlichkeit dürfen die Zürcher stolz auf ihre Züri-Linie sein, denn über achtzig Prozent aller Kurse verkehren fahrplanmässig. Dass deswegen vielen Fahrgästen die Türe vor der Nase zugeknallt werden muss, wird jedoch verschwiegen. Um die Attraktivität weiter zu erhöhen beziehungsweise die «Balz-Chancen» zu optimieren, wurden erst kürzlich 150 VBZ-Angestellte mit neuen Uniformen eingedeckt. Buntgemusterte Kurzarmhemden, farbige Poloshirts, elegante Pullover, wetterfeste Lumber (mit «Grüezi»-Aufschrift). Nur dem Wunsch von zwei Dritteln aller männlichen Angestellten ist man nicht nachgekommen: Sie verlangten die Einführung von Bermudas. Um Pluspunkte und vermehrte Attraktivität des öffentlichen Verkehrs sind auch die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) stets bemüht. Basel muss sich oft den Vorwurf der Hochnäsigkeit gefallen lassen. Ein Affront für Nicht-Basler sind die Lautsprecherdurchsagen, die auf «baseldytsch» erfolgen. Das Gemurmel der Tramchauffeure trägt nicht zur Verständlichkeit bei. Dies soll sich jetzt allerdings ändern. Bis 1999 werden alle Trams und Busse mit automatischen Haltestellenanzeigen ausgerüstet. Besonders die kommunikativen Tramführer sind darob nicht besonders glücklich. Es sind diejenigen, die ihren Fahrgästen einen schönen Tag wünschen oder über den Lautsprecher über den kopflosen Fussgänger klagen, dem sie eine Vollbremsung verdanken. Die BVB selber scheinen grossen Wert auf ein gutgelauntes Publikum zu legen, sonst hätten sie nicht die Serie «Drämmli-Knigge» ins Leben gerufen. Damit die Fahrgäste «gutgelaunt ans Ziel» kommen, hängen in jedem Wagen Tram-Regeln für das gute Benehmen. Zum Beispiel: «Coole Kids bieten älteren und behinderten Fahrgästen ihren Sitzplatz an.» Ebenfalls sehr vorbildlich benehmen sich die Kunden offenbar bezüglich Schwarzfahren. Jährlich werden in Basel 1,7 Millionen Fahrgäste kontrolliert; darunter befinden sich aber nur gerade 14000 echte Schwarzfahrer, das sind 0,8 Prozent. Vielleicht auch ein Zeichen für die Verbundenheit der Basler mit ihren Trams? Das Tram- und Busangebot in Basel ist kleiner als in Zürich. Dafür versuchen auch die BVB, den Leuten mit attraktiven Abonnements die öffentlichen Verkehrsmittel schmackhaft zu machen. Der Tarifverbund Nordwestschweiz war bei seiner Einführung 1984 ein schweizerisches Novum und Vorbild für weitere Verkehrsverbunde dieser Art. Verbesserungsfähig ist in Basel hingegen das Fahrplanangebot zur späten Stunde. Während andere Städte für Nachtschwärmer spezielle Busse anbieten, ist auf den Basler Tramschienen und Busspuren ab zirka ein Uhr nachts Funkstille.

Nicht so in Bern. Bern ist vermutlich die einzige Stadt der Schweiz, deren Strassenbahn sogar in einem Lied besungen wird – Polo Hofer macht´s möglich. Das Stück «Im letschte Tram» beschreibt melancholisch die Fahrt im letzten Tram spät am Abend, vorbei an Haltestellen mit komischen Namen wie «Chindlifrässer», «Henker-Brünnli» und «Galgenfeld». In den Trams und Bussen der Städtischen Verkehrsbetriebe Bern (SVB) herrscht noch jene typische Gemütlichkeit, die der Bevölkerung nachgesagt wird. Die Warnglocke tönt weder schrill noch aufdringlich, eher mittelalterlich; die Fahrzeuge rasen nicht wie wild, sondern lassen sich Zeit; und die Stationsansagen auf berndeutsch könnten schöner nicht klingen. Was sich in Zürich «Regenbogenkarte» und in Basel «Umwelt-Abo» nennt, heisst in Bern «Bäre-Abi». Der Alltag auf der Strasse ist häufig geprägt von Stress, Wut und Egoismus. Während man sich in Zürich und Basel offenbar daran gewöhnt hat, will sich Bern nicht damit abfinden und hat die Aktion «Fahrfriede» lanciert. Ein Appell an die Toleranz und Gemütlichkeit, die eigentlich in jedem Berner stecken sollten. Oder? Und damit man sich tagtäglich wieder neu daran erinnert, gibt es bei den SVB weisse Aufkleber und Fähnli. Gratis. Auch die Verkehrsverbände von Basel und Zürich sorgen dafür, dass wir sie nie vergessen. Dank den geschickt ausgewählten Abonnementsformaten passen diese Ausweise in jedes Portemonnaie und geben sich ein Stelldichein neben dem Foto der oder des Liebsten. Wer hat gesagt, eine Beziehung lasse sich nicht kaufen?