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Erschienen in Meyers MODEBLATT am 2. März 2000

"Früher wäre ich wahrscheinlich als Hexe verbrannt worden"

Mit ihrem Entscheid vor vier Jahren hat sie viele vor den Kopf gestossen. Und jetzt tingelt die Theologin auch noch als Barkeeperin durchs Land. Über die auf den ersten Blick widersprüchliche Gisula Tscharner - die erste freie Seelsorgerin der Schweiz.

Text: Fabrice Müller

Entweder man ist schwindelfrei und lässt sich in der kleinen roten Gondel von Rhäzüns aus über atemberaubende Abhänge, ein wunderschönes Flussdelta und Christoph Blochers Herrschaftsschloss ziehen, oder man wählt die nervenschonendere Variante im Postauto via Thusis und vertraut sich Chauffeur Angelo an, für den die anspruchsvolle Bergstrecke nach Feldis/Veulden zum täglichen Brot gehört . Bei der Gondelbahnstation wartet sie bereits, die ehemalige Gemeindepräsidentin des 140-Seelen-Dorfes. Mit dem Bergvelo. Und einem herzlichen Lächeln auf dem Gesicht. Es folgt der Gang durchs kleine Bergdorf. Vorbei am Frauenladen, der Post, dem Volg-Laden, einem Hotel, schönen Gärtchen, Brunnen und zahlreichen landwirtschaftlichen Betrieben. Ihr Haus steht am anderen Ende des Ortes. Unterwegs spricht sie über die Touristen, die in den letzten Jahren immer weniger geworden sind. Über ihre Radiopredigt, die sie heute Nachmittag im Radio Rumantsch halten wird. Und über sich selber: Gisula Tscharner - die erste freie Seelsorgerin der Schweiz.

Gisula Tscharner (51) ist eine Frau, die viele Fragezeichen aufwirft: Was macht eine freie Seelsorgerin? Was hat sie dazu bewogen? Was haben die über hundert farbigen Flaschen und Einmachgläser mit seltsamen Namen wie "Zauberlehrling" oder "Alpengelächter" in ihrem Keller zu bedeuten? Und so weiter. Als freie Seelsorgerin bietet Gisula Tscharner Reden und Rituale für alle Lebenssituationen an, konfessionslos und ökumenisch. Eine geistliche Begleitung ausserhalb der Kirchen sozusagen. Für Trauungen, Beerdigungen, Taufen, usw. "Ich richte mich an Kirchenausgetretene wie auch an Kirchensteuerzahlende, die keinen Draht mehr haben zu den offiziellen Seelsorgeämtern. Mein Wunsch ist es, die Menschen dort geistig abzuholen, wo sie gerade sind." - Deshalb auch der Name: Seelsorgerin unterwegs.

Heute erblickte Gisula Tscharner um sieben Uhr das Tageslicht. "Am liebsten würde ich länger schlafen. Ich arbeite gerne zur späten Stunde, denn ich bin ein Nachtmensch. Gestern Abend befasste ich mich mit der Radiopredigt von heute Nachmittag. Ich suchte nach einem passenden Lied zu meinen Bibeltext, der sich mit der Freiheit beschäftigt." Auf dem Klavier liegt ein Notenblatt, dort steht geschrieben: die Gedanken sind frei. "Halb schlafend erledigte ich am morgen den Haushalt und ging einkaufen." Um halb neun kam Angelo von seiner Morgentour für das gemeinsame "Bergler-Zmorga". Mit Käse, Salami, Brot, usw. Anschliessend blieb noch genügend Zeit für Telefonate und Bürokram. Um 11 Uhr holte sie den Journalisten von der Gondelstation ab. In der Agenda der Seelsorgerin sind im Sommer jede Woche ein bis zwei Tage für Arbeiten am Schreibtisch, Kindengespräche und/oder Sitzungen reserviert. Den Rest verbringt sie so oft wie möglich in der freien Natur. - Verständlich. Herrlich ist die Aussicht vom Südbalkon aus. Der Blick schweift über satte Mähweiden und dunkelgrüne Lärchenwälder. Zu Berggipfeln zum Greifen nah. Vorbei an einer friedlichen Alpenwelt. Heiss brennt die Sonne auf die weissen Campingstühle. In der Ecke döst Rina, das Kätzchen.

Hier oben, auf 1500 Meter über Meer, fiel Gisula Tscharners endgültiger Entscheid, sich von der Institution Kirche zu lösen und sich selbständig zu machen. Angefangen habe aber alles bereits viel früher: "Schon als Kind wollte ich Priesterin werden. Allerdings nicht nur für Katholiken oder Protestanten. Bei der Arbeit meines Vaters spürte ich, dass die reformierte und römisch-katholische Kirche nur zwei mögliche Gefässe für die christliche Religion sind. Er war ein unkonventioneller Pfarrer. Er betrieb Ökumene, obwohl dies damals gefährlich, ja fast verboten war." Nach der Matura entschied sich die junge Zürcherin für das theologische Studium als einzige Möglichkeit für den Seelsorgeberuf und schloss als reformierte Pfarrerin ab. Das war 1972. "Mein Studium war eine vorläufige Notlösung. Ich wusste, dass die Kirche nicht mein letztes Gefäss sein würde." Noch war die Zeit jedoch nicht reif für den Austritt. Während des Studiums predigte Gisula Tscharner in der Region Zürich-Aargau-Schaffhausen. "Zum Geldverdienen". Mit "Lebensstart in Feldis" umschreibt die Theologin in ihrem Curriculum Vitae den neuen Lebensabschnitt. "Dieses Dorf ist mein Schicksal geworden, und auch der Ort, wo vieles in mir erst erwacht ist. Ich fing Feuer für drei faszinierende Realitäten: die Isoliertheit des windgepeitschten Nestes auf dem Berg, die romanische Sprache (welche sie sich "über den Bauch und die Intuition" aneignete) und schliesslich die geheimnisvoll schweigsamen BerglerInnen." Von ihrem damaligen Lebenspartner hat sie sich getrennt. Ihr jetziger Ehegatte gehört zu jenen "geheimnisvollen Berglern". Er war damals Lehrer in der Region und fährt heute Postauto auf jener berüchtigten Strecke ins Tal. Sein Name: Angelo Tscharner. 1979 heiratete das Paar, 1980 bzw. 1983 kamen die beiden Kinder Julia und Johann zur Welt. 1989 zog Gisula Tscharner endgültig nach Feldis. Bis 1995 "bepfarrte" sie als ambulante Seelsorgerin das reformierte Mittelbünden. Dann folgte der lang geplante Austritt aus der Landeskirche und der Beginn ihrer Karriere als "freie Seelsorgerin unterwegs" - einem privaten Einfrau-Unternehmen.

Bereut hat die gebürtige Zürcherin ihren Schritt nie. "Ich habe viel mehr Freude an meinem Beruf, an der Seelsorge, an geistlichen Dingen als früher. Ich kann zu meinem Beruf stehen; als Pfarrerin hatte ich immer Hemmungen, wenn mich jemand nach meiner Tätigkeit fragte. Ich dachte, mein Glaube wäre nicht stark genug. Wahrscheinlich konnte ich nicht zum Betrieb stehen, für den ich arbeitete." Jetzt fühle sie sich irgendwie heimatlos, im religiösen Sinn. Sie habe jedoch gelernt, dass diese Heimatlosigkeit eine "geniale Form" sein kann: "Man ist nicht so fixiert auf etwas, viel flexibler und mehr auf die Beheimatung bei Gott angewiesen." Von Gott hat die Seelsorgerin keine personifizierte Vorstellung. Sie betrachtet ihn als "Symbol für die unsichtbaren Kräfte, die das Leben begleiten", dem man das Herz ausschütten kann. Sich selber vergleicht sie mit einem Baum, mit Wurzeln nach unten zur Erde und zu den Menschen, und mit Ästen nach oben zum Himmel. Sollten auch mal ein paar Wurzeln absterben - zum Beispiel in ihrer politischen Arbeit - , so ist sie froh, "dass ich die Fähigkeit habe, neue Äste und Wurzeln zu bilden."

Mit dem Austritt aus der Kirche hatte Gisula Tscharner viele vor den Kopf gestossen. Einige Pfarrherren gehen ihr aus dem Weg, andere beneiden sie heimlich und würden es ihr gerne gleich tun. Doch es fehlt ihnen der Mut. Ein Zuckerschlecken ist das Leben als freie Seelsorgerin mit Sicherheit nicht. Sie muss auf vieles Angenehme verzichten: auf ein schönes Pfarrhaus, auf einen sicheren und alles andere als bescheidenen Pfarrerslohn, auf ein gewisses Ansehen. Jetzt sind Qualität und Leistung gefragt. "Ich muss meine Aufwendungen deklarieren und mit meinen Auftraggebern über den Preis sprechen." Gisula Tscharners Stundenlohn beträgt 125.- Franken. Bei Gesprächen mit Kunden - zum Beispiel für eine Trauung - kann sie es sich nicht leisten, lange um den heissen Brei herumzureden. Zeit ist Geld. Für Gotteslohn wird schon lange nicht mehr gearbeitet. "Ich möchte von den Leuten, die zu mir kommen, wissen, warum sie sich an mich wenden, weshalb sie heiraten wollen, was sie von der Ehe erwarten, ob man das Eheversprechen einhalten kann, usw. Im Gespräch wird das geistige Zentrum der Trauung erarbeitet." Gesprochen wird auch über mögliche Rituale und Gebete. Manche mögen es schlicht, andere legen Wert auf mehr Liturgie. "Ich bin positiv überrascht, wie religiös die sogenannten <ungläubigen> Kirchenferne sind. Sie haben gar keine Gelegenheit mehr, ihren Glauben zu formulieren. Sie sind abgestempelt, ohne christliches Mitspracherecht." Die Gestaltung der Feier ist frei von Zwängen und Regeln. Häufig wünschen die Brautpaare eine Zeremonie in der freien Natur. Zum Beispiel in einem Park. Die Angehörigen werden nach Wunsch in die Feier miteinbezogen. Sie stehen beispielsweise im Kreis um einen grossen Stein und bilden so den Gottesdienstraum. Nach der Trauung überreichen sie dem Brautpaar ein kleines Symbolgeschenk oder geben ihm einen Wunsch mit auf den Weg. Manchmal baut die Seelsorgerin einen Aperitif oder ein kleines Mahl in die Feier ein; dadurch entsteht eine Gemeinschaft gleich zu Beginn der Trauung. Oder das Brautpaar gibt sich auf einer Wanderung das Jawort. "Ich habe am eigenen Leib die Brüchigkeit einer Partnerschaft erlebt. Deshalb möchte ich, dass sich das Brautpaar bewusst damit auseinandersetzt. Liebe ist nicht nur wunderbar, man muss auch annehmen, was einem am Partner nicht passt." Auf Wunsch sieht die Seelsorgerin bewusst Überraschungen in der Feier vor, wie zum Beispiel einen Hindernisparcours, bei dem das Paar Aufgaben gemeinsam lösen muss. Anschliessend gibt’s Kräuterbrot und Waldwein. Oder einen selbstgemachten Bergblutschnapps - "als Symbol der blutig ernsten Lebensbindung".

Neben dem Geistigen ist das Kulinarische eine weitere grosse Leidenschaft von Gisula Tscharner. Heute Mittag stehen eine Wildkräuter- sowie eine Brennessel-Gorgonzola-Pastete auf dem Menüplan. Die beiden Füllungen sind bereits vorgekocht und müssen nur noch mit Blätterteig bedeckt und in den Ofen geschoben werden. Einen Musterhaushalt führe sie nicht, meint sie entschuldigend. Ihre Kochkünste hat sie im Kochbuch "WildeWeiberKüche" festgehalten. Ausserdem führt sie Sammel-Kochkurse durch. "Wildsinnliches Schmausen". Gerichte und Zutaten aus der freien Wildbahn, von Wiesen und Hecken, von Blumen und Bäumen. Die neuste Kreation im Bereich Gaumenschmaus nennt sich "Gisula’s WildeWeiberBar". Stolz präsentiert die Seelsorgerin ihren Keller, wo sich Flaschen an Einmachgläser reihen, grosse, kleine, einige hundert müssen es sein. Dann öffnet sie den Deckel eines der grossen Gläser zum Schnuppern. Kräuter, eingelegt in Olivenöl. Bärlauch. Thymian. Gundermann... Daneben die farbigen Fläschchen viel mit Geist. Alpenrosen-Likör, Liebestraum (Holunderbeere), Bergblut (Spitzbeere), Sturm und Drang (Lärche), Verwandlung (Feilchen), Alpen-Gelächter (Preiselbeere). 18 Sorten an der Zahl. Benannt nach dem Gefühl, den sie bei Gisula Tscharner hinterlassen. Hergestellt aus Blüten, Zweigen und Früchten, gesammelt auf Geröllhalden und vergessenen Wiesen, in der freien Wildbahn. "Ich lernte, die Früchte, Blätter und Blüten einer Wiese zu nutzen." In der Sommerzeit trifft man Gisula Tscharner oft beim Pflücken an. Gestern wollte sie eigentlich Alpenrosen und Tannenspitzen ernten. Dann kam ein unerwarteter Seelsorgebesuch. Jetzt hat sie sich den Rest der Woche fürs Ernten reserviert. Es sei höchste Zeit, betont sie. Der Rucksack steht immer parat. Gefüllt mit Schere, Messer, Plastikhandschuhen (für die Brennesseln), Säcken, Kübeln, Wasser, Papier, usw. "Die Früchte richten sich nicht nach meiner Agenda." Ihr Verhältnis zur Natur ist ein enges. Oft ist sie zum Pflücken mit dem Fahrrad unterwegs. "Ich liebe es, den Boden zu riechen und die Wiese zu essen." Vollgesogen mit sinnlichen Eindrücken, den Rucksack beladen mit Zweigen, Kräutern und Früchten, kehrt sie zurück in ihre WildeWeiberKüche. "Ich mische gebrannte Wasser Alkohol mit Fruchtsäften; Baumzweigen und Blüten lege ich darin ein. Alkohol ist ein wunderbarer Aromaträger", sagt sie und beginnt, von einem schweren Bordeau-Wein im November zu schwärmen. Von der Frucht, modrig und faulig nach dem langen Sommer, und im Herbst sich verwandelnd zu transzendenten Substanzen, "die nach Jenseits und Tod riechen". "Früher wäre ich wahrscheinlich als Hexe verbrannt worden, obwohl ich mich nicht als solche bezeichnen würde." Einen Widerspruch zwischen ihrer Bar und der Tätigkeit als Seelsorgerin sieht Gisula Tscharner nicht. Im Gegenteil: "Religiosität und Alkohol haben beide mit Geist zu tun. Sie bedeuten für den Menschen eine gefährliche Gratwanderung." Alkohol könne jedoch die Zunge lösen und "gewaltige Gespräche" entstehen lassen. Dabei spricht die Barfrau von einem "gegenseitigen Pflegen der Seelenlandschaften". Wie zum Beispiel im Juli, als sie mit ihrer mobilen Bar im "fabriggli" in Buchs SG - anlässlich einer Lesung über Sagen aus dem Graubünden - für geistige Gaumenfreuden sorgte. Ganz in schwarz gekleidet, mit goldenen Ohrsteckern und einer Brosche geschmückt, den Mund rot gefärbt, spielte sie die charmante Barkeeperin. Servierte "Schluchtenschreie" und "Liebesträume", "Rote Himmel" und Tannenspitzensirup mit Weisswein. Die Getränke mit den neugierig machenden Namen laden ein zu Gesprächen über Gott und die Welt. Und über die Zukunft: "Ich möchte so leben, dass - falls morgen alles zu Ende sein sollte - es sich gelohnt hat. Und sonst? So weitermachen wie bisher. Im Winter werde ich meine Kurse im Halten von Reden und Predigten ausbauen, auch über die Landesgrenzen hinaus. Mein nächstes Reiseziel wird Gibraltar sein. Das Ende der Welt gemäss der antiken Weltanschauung. Deshalb werde ich nächstens spanisch lernen."





Informationen:

Freie Seelsorgerin, Gisulas WildeWeiberBar, Wildsinnliches Schmausen:
Gisula Tscharner, 7404 Feldis/Veulden. Tel./Fax 081 655 15 50

Schweizerischer Verband freischaffender Theologinnen und Theologen (SVFT), Präsident Markus A. Tschopp, Bickelstrasse 10, 8942 Oberrieden. Tel. 01 720 36 20. Internet: www.konfessionslos.ch