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Erschienen im TCS-Magazin "Touring" am 8. Juli 1999

Die Angst im Untergrund

Viele Frauen fürchten sich nachts in öffentlichen Parkhäusern. In den letzten Jahren wurde einiges in die Sicherheit der Anlagen investiert. Leider gibt es immer noch "dunkle Löcher".

Ein einsames Parkhaus um Mitternacht. Eine junge Frau eilt schnellen Schrittes zu ihrem Wagen. Auf einmal taucht aus dem Dunkel ein Schatten hinter ihr auf. Die Frau spürt den Atem eines fremden Mannes im Genick... - Wer kennt sie nicht: die berühmt-berüchtigten Parkhausszenen aus Krimis und Kinofilmen? Wo hinter jedem Auto ein Mörder lauern kann? Viele Frauen haben Angst, ihren Wagen nachts in einem Parkhaus abzustellen. "Parkhäuser werden von Frauen wenn möglich gemieden. Wenn überhaupt, wird in der Stadt nur dann das Parkhaus benutzt, wenn kein offener Parkplatz gefunden werden kann und wenn das Auto nicht spät abends aus dem Parkhaus geholt werden muss", schreibt Heidi Meyer in ihrem Buch "Sitzplätze statt Parkplätze - über die Mobilität von Frauen". "Ich kann die Angst vieler Frauen vor Parkhäusern nachvollziehen", erklärt Elisabeth Weingart von der Frauenberatungsstelle "zämeläbe" in Bern. "Häufig sind Parkhäuser schlecht beleuchtet und unbewacht."

"Parkhäuser machen Angst, weil man im Gegensatz zur eigenen Wohnung keine Kontrolle über den Raum hat", begründet Martin Killias, Professor für Kriminologie und Strafrecht an der Uni Lausanne. In den Zürcher Parkhäusern erreichte die Angst vor Übergriffen Ende 1991 ihren Höhepunkt, Benutzerzahlen und Umsätze sanken rasch. Im Juni wurde eine junge Frau im Parkhaus Urania ermordet. Fünf weitere Raub- und Entreissdelikte wurden vor- bzw. nachher von der Polizei registriert. Ebenso viele waren es 1990.

"Die Angst ist unbegründet"
Wie eine Umfrage bei den Polizeistellen in Basel, Bern, Zürich und Lausanne zeigt, scheint sich die Lage in den Schweizer Parkhäusern mittlerweile wieder beruhigt zu haben. "Die Parkhäuser stellen in krimineller Hinsicht derzeit kein Problem dar", berichtet Rolf Marghitola von der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle der Stadtpolizei Zürich. "Die Gefahr, Opfer einer Gewalt-Straftat zu werden, ist auf öffentlichen Plätzen und Strassen sehr viel höher als in Parkhäusern." Dank "regelmässigen Polizeipatrouillen" seien in den letzten Jahren "keine gravierenden Vorfälle bezüglich Gewalt gegen Frauen" zu verzeichnen gewesen, informiert Max Waldner von der Beratungsstelle für Verbrechensbekämpfung der Stadtpolizei Basel-Stadt. "Die Angst ist unbegründet", sagen auch Xaver Zimmermann von der Stadtpolizei Bern und André Binggeli, Sprecher der Stadtpolizei Genf.

Besonders sicher in Bern
Viele Parkhausbetreiber haben in den letzten Jahren grosse Anstrengungen unternommen, um ihre Parkhäuser sicherer zu machen bzw. konkurrenzfähig zu halten. Dies kann Hans Bucher, Betriebsleiter Bahnhof-Parking Luzern und Fachmann für Schweizer Parkhäuser, bestätigen. Besonders in Bern und Luzern sei einiges in die Sicherheit investiert worden. Zürich habe ebenfalls grosse Fortschritte gemacht. Die Parkhäuser in St. Gallen, Lausanne und Genf sind offenbar "im Aufwind". 1997 wurden die vier Schweizer Parkhäuser Rathaus-Parking, Insel-Parking und Bahnhof-Parking in Bern, sowie "Hohe Promenade" in Zürich mit dem "European Standard Parking Award" des europäischen Interessenverbandes der Parkhaus- und Tiefgaragenbesitzer "European Parking Association" ausgezeichnet. Um diese Auszeichnung zu erhalten, spielen Aspekte wie Wartung, Signalisation, Beleuchtung, Übersichtlichkeit, elektronische Überwachung und Sicherheitspräsenz von Mitarbeitern eine wichtige Rolle. Das Rathaus Parking in Bern beispielsweise wird während 24 Stunden durch Video überwacht. Mit Gegensprechanlagen und Notrufsäulen kann innert Minuten eine Aufsichtsperson erreicht werden. Zwischen 22 und 7 Uhr sorgt ein Wächter mit Hund für zusätzliche Sicherheit. Der Eingang zum Parkhaus lässt sich nur mit dem Parkticket öffnen. Auf Wunsch kann man sich vom Wächter zum Auto begleiten lassen.

Frauenparkplätze umstritten
In kleineren Parkhäusern und jenen in Agglomerationen hapert es laut Bucher hingegen mit der Sicherheit; vor allem bei finanzschwächeren Parkhäusern und solchen mit ganz unterschiedlichen Frequenzen, bedingt durch Konzerte, Sportanlässe, usw. Keine gute Noten gibt Bucher auch einigen Basler Parkhäusern, wo offenbar Wände versprayt und Einrichtungen beschädigt werden. Wer im Elisabethen-Parking in Basel die Treppe benutzen will, muss an mehreren Türen und unübersichtlichen Ecken vorbei. In zahlreichen Parkhäusern fehlt es an Helligkeit. Meist sind die Lampen in der Mitte der Fahrbahn angeordnet - dort, wo bereits die Autoscheinwerfer für Licht sorgen. Für die weiblichen Parkhausbenützer werden zwar immer öfter Frauenparkplätze eingerichtet. Dabei gilt es aber zu beachten: "Diese Parkfelder müssen dauernd im Blickfeld einer Kamera oder Aufsichtsperson sein. Ansonsten sind sie geradezu kontraproduktiv bzw. einladend für <böswillige Gestalten>", erklärt Martin Graf, Leiter Product Management Sicherheitsdienstleistungen der Securitas AG (siehe Interview).

Die allerbeste Lösung gegen Kriminalität in Parkhäusern scheint das erste vollautomatische Parkhaus der Schweiz in Oberrieden zu sein. Es handelt sich dabei um ein computergesteuertes Parkhaus mit Hochregalen und 56 Plätzen. Vorteil: Der Gang durchs finstere Parkhaus entfällt.
Fabrice Müller




"Ein Quantensprung"

Martin Graf, Leiter Product Management Sicherheitsdienstleistungen der Securitas AG.

Wie beurteilen Sie die Sicherheit in den Schweizer Parkhäusern?
In den letzten fünf Jahren wurden enorme Fortschritte im Ausbau der Sicherheitsstandards gemacht. Ich würde fast von einem Quantensprung sprechen. Die meisten "bedrohlichen" Parkhäuser wurden entsprechend ausgebaut. Man legt heute starkes Gewicht eine helle und freundliche Gestaltung sowie auf technische Sicherheitseinrichtungen wie zum Beispiel Videoanlagen.

Darf man sich in den Parkhäusern also sicher fühlen?
Die Gefährdung im Parkhaus ist gering. Überfälle oder Einbrücke kommen in grossen und gut überwachten Häusern selten vor. Hingegen sind kleinere Parkhäuser in Aussenquartieren leider oftmals dunkle Löcher.

Wie soll man sich als Frau im Parkhaus verhalten?
Wichtig ist, dass sie aufmerksam Ihr Umfeld beobachtet, bevor sie das Parkhaus betritt bzw. aus dem Auto steigt. Weiter sollte die Frau eine gesunde Selbstsicherheit ausstrahlen und zielstrebig ihren Weg gehen. Der Zündschlüssel zwischen Zeige- und Mittelfinger ist übrigens eine taugliche Waffe, mit der ein Angreifer meistens nicht rechnet.

Tips: Sicherheit im Parkhaus