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Erschienen in Meyers MODEBLATT in der Woche 29 im Jahr 1999

"Wir wollen unser Publikum verzaubern, zum Staunen bringen"

Ein untreuer Vogel namens Pablo, ein marokkanisches Rundzelt mit 25 Plätzen und ein Programm bestehend aus Musik, Zauberei, Akrobatik und Humor. Zurzeit ist "Minicirc" - der kleinste Gauklerzirkus der Schweiz - auf Tournee. Ein Besuch bei Irmi Fiedler und Stephan Dietrich.

Text: Fabrice Müller

Wo um alles in der Welt ist Pablo? Eben war er doch noch da. Unter dem roten Tuch in seinem goldenen Vogelkäfig. Und dann sollte er herausfliegen auf die Stange. Dort oben. Sollte einen Salto machen. Und das Publikum begrüssen. Hundertmal hat er das schon gemacht. Doch jetzt ist er weg. Irmella, die Zirkusdirektorin, eilt aus dem Zelt und sucht verzweifelt nach ihrem kleinen Liebling. "Da!! Auf einem der grossen Bäume im Park hockt er. Zusammen mit einer ‘Spätzin’." Verliebt hat sich der kleine Wicht. Ferdinand - der Assistent der Zirkusdirektorin - "gabelte" ihn in Mallorca auf. Mit seinem kleinen Schnabel frass er Ferdinand immer das Risotto aus dem Teller und hockte auf den Dächern von deutschen Mercedes. Und auf einmal ist alles vorbei. Dabei begann der Tag so schön. Sommerlich warm das Wetter. Die Vögel zwitscherten. Das Wasser des Vierwalstättersees blätscherte gemütlich ans nahe Ufer. Schulklassen verdrückten ihr Mittagessen auf dem Luzerner ‘Inseli’. Irmella spielte Handorgel vor dem Zelt. Traurige Zigeunermeldodien. Geheimnisvoll lächelnd. Die 16-Uhr-Vorstellung war bereits ausverkauft. Eine Berufsschulklasse hatte sie gebucht. 20 junge Männer und ein Lehrer. Ferdinand zeigte ihnen Diabilder aus seinen Ferien auf Mallorca. Wollte die Zeit überbrücken, bis die Direktorin das Zepter übernehmen würde.

Wenn ihm Irmella in die Augen blickt, kommt Ferdinand ins Schwitzen. Wird nervös. Läuft rot an. Zieht an seinen roten Hosenträgern, die sich farblich so herrlich beissen mit dem grünen Hemd und den gelben Sonnen drauf, und mit den schwarz-weiss karierten Hosen. Irmella, in ihrem bordeauroten Kostüm und den schwarzen Stretchhosen wirkt hingegen streng. Durchbohrt den armen Assistenten mit ihren Blicken. Kommandiert ihn herum, oder schweigt beleidigt. In Tat und Wahrheit ist alles anders: Ferdinand und Irmella sind ein Paar. Sie haben sich vor ein paar Jahren im Jugendzirkus Robiano verliebt und tingeln seit 1998 als "Minicirc" durch die halbe Schweiz. "Unsere Wagen standen damals gleich nebeneinander. Ich war für das Training zuständig, Stephan Dietrich (41) alias Ferdinand führte Regie", erzählt Irmi Fiedler (32). Dietrich hat eine Theater - und Bewegungsschule absolviert und verfügt über eine 17jährige Zirkuserfahrung. Unter anderem im Zirkus Monti. Fiedler ist Sozialpädagogin und liess sich von der Zirkuswelt begeistern. - Und Pablo? - "Auf ihn kamen wir durch einen Traum von mir: Ich wollte eigentlich eine Ente ins Programm aufnehmen. Da wir öfters an Seen auftreten, müssten wir das Tier jedoch einsperren. Das würden wir nicht übers Herz bringen. Der alte Vogelkäfig brachte uns auf die Idee mit Pablo."

Nun hat dieser Frechdachs leider das Weite gesucht. Zum Glück ist Ferdinand noch da. Der Clown tanzt mit dem kleinen, roten Klappstuhl. Balanciert ihn auf dem Kopf. Macht einen Kopfstand. Und am Schluss klemmt er sich noch die Finger ein in der Holzkonstruktion. Die Direktorin schüttelt genervt den Kopf. Ferdinand versinkt vor Scham im Boden. Perfekt dagegen kommt Irmellas Nummer daher. Sie hält eine mit Wasser gefüllte Flasche in den Händen. Ohne Deckel. Dann dreht sie die Flasche um, doch das Wasser bleibt drin. Das Publikum staunt. Irmella lächelt. Ferdinand ist begeistert. Aber nicht lange. "Ich will, dass du Pablo wieder herbeizauberst", fordert Irmella. "Herbeizaubern, ich?", stottert Ferdinand. Er beginnt mit den Händen zu fuchteln und stammelt irgendeinen geheimnisvoll tönenden Zauberspruch zum leeren Vogelkäfig. Und noch einmal. Doch nichts passiert. Pablo lässt sich von Ferdinands Hokuspokus nicht zu einer Rückkehr bewegen.

Solche Pannen können im Zirkus vorkommen. Das sind sich Fiedler und Dietrich gewohnt. Der gebürtige Toggenburger war drei Jahre mit dem Zirkus Monti unterwegs. Dann stiess Fiedler als Mitarbeiterin des Buffet hinzu. Im Winter 1997 reisten die beiden durch die Lande. Der Wunsch kam auf, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, erinnert sich die Baselbieterin. Gesagt, getan. Von da an musste alles schnell gehen. 27 Auftrittsorte wurden reserviert. Zum Beispiel den ‘Lustgarten’ in Willisau, den ‘Platz beim Ententeich’ in Burgdorf, den Lindenhof in Zürich, die Schlosswiese in Arbon oder eben das ‘Inseli’ in Luzern. "Wir besuchen die schönsten Parks und Plätze der Schweiz. Wir wohnen an Orten, wo wir sonst nie leben könnten. Wir wollen dort sein, wo die Leute ihre Freizeit verbringen", betont Dietrich. Ein Zelt besassen die beiden Zirkusleute vor zwei Jahren noch nicht. Dietrich kannte jedoch einen Zeltmacher in Marokko. Dort reisten sie hin und liessen sich ein typisches marokkanisches Rundzelt aus Baumwollstoff anfertigen. Schwarz-weiss aussen, bordeaurot-grün innen. Auf dem Spitz ein goldener Halbmond mit Stern. 25 Personen haben darin Platz. Gesessen wird auf Stühlen und Hockern, auf Schemeln und blauen Kissen mit Sternen verziert, auf Klappstühlen und schweren, hölzernen Sitzmöbeln mit Armlehnen. Alles Errungenschaften aus der Brockenstube, wenn nötig selber bemalt und renoviert. Ein Traktor musste beschafft werden für die beiden hölzernen Zirkuswagen. Der eine ist 50 Jahre alt, den andern hat Dietrich vor drei Jahren selber gebaut. Von Grund auf. Innen mit alten Schranktüren, weiss gebeizt. Mit Parkett und kleinen farbigen Oberfenstern. Aussen mit Täfern und Holzlatten aus günstigen Restbeständen. Die Fensterrahmen hat er rot gestrichen. Eine Solaranlage versorgt das Zelt mit dem nötigen Strom für die Beleuchtung.

Das warme, schummrige Licht im Innern des Zeltes erinnert an tausend und eine Nacht, an Nostalgie und mittelalterliche Zirkusromantik, an die Zeit der Gaukler und Troubadoure. In der Nase liegt der leicht modernde Geruch von alten Möbeln und Baumwollstoff. Der Duft von Zauberei und Akrobatik. Die Nadel des alten Grammophons müht sich mit einer scherbelnden Platte Marke "Uralt" ab. Kratzige Geigenmelodien, maulende Cellos. Irmella und Ferdinand zeigen kräftezerrende Akrobaktik. Handstand, Kopfstand. "Frau Direktorin" klettert die Stange in der Zeltmitte hoch. Oben an der Reckstange macht sie das Rädchen. Dann lässt sie sich - an den Füssen hängend - baumeln. Auf ihrer Stirn glänzt der Schweiss. "Ich habe immer Angst um sie, wenn sie gefährliche Übungen macht", gibt Ferdinand zu. Die Angst dauert zum Glück nicht allzu lange. Schon ist Irmella wieder mit beiden Füssen auf dem Boden, kramt eine neue LP hervor und kurbelt am Plattenspieler. Ferdinands Zauberkünste sind noch einmal gefragt. Vielleicht klappt es diesmal. Ein Wasserglas soll er wegzaubern. Er legt ein rotes Tuch über das Gefäss. Der Zauberlehrling schwitzt Blut. "Wie lautete noch eben der Zauberspruch? - Hexenbein und Tintenfisch, Entenbrust und..." Der Trick ist jedoch faul, Ferdinand versteckt das Glas eingewickelt im Tuch. Die Direktorin hat’s längst bemerkt. Das Publikum auch.

"Wir wollen unser Publikum verzaubern, zum Staunen bringen", so Fiedler. "Die Akrobatik ist ein fixes Element in unserem Programm. Im Winter haben wir jeden Tag diese Nummern trainiert. Wir suchten nach weiteren Ideen und übten Zaubertricks ein", erzählt Dietrich. So entstand das Programm nach und nach. Eine Mischung aus Musik, Zauberei, Akrobatik und Humor. Im Gegensatz zu ersten Programm kommt die 99er Ausführung kompakter daher. Dieses Programm ist spielerischer, fliessender, verpackt in eine Geschichte. Früher waren es einzelne Nummern. Das Paar musste sich selber zuerst einmal finden und Erfahrungen sammeln. "Manchmal war es schon schwierig für mich, denn ich hatte nicht den gleichen Erfahrungswert wie Stephan", gibt Fiedler zu. Mit einem "normalen" Zirkus möchten die beiden Artisten nicht verglichen werden. "Wir sind ein Gauklerzirkus und machen kein Nummernprogramm. Wir wollen ganz einfach gluschtig machen auf Zirkus. Viele Leute wissen heute gar nicht mehr, was Zirkus eigentlich bedeutet. Es ist für sie etwas Ungewohntes. Mir gefällt es, zu sehen, wie die Leute lachen und sich amüsieren." Oftmals sei es jedoch schwierig, die Leute zu spontanen Zirkusbesuchen zu bewegen. Sie haben ihren festen Tagesablauf. Von der Idee, ein Programm ohne fixen Zeiten anzubieten, kam das Paar schon nach zwei Tagen ab. Es funktionierte nicht.

Die 16-Uhr-Vorstellung auf dem Luzerner Inseli vergeht im Flug. Kein Gedanke daran, nur einmal das Zifferblatt der Armbanduhr zu konsultieren. Und dass dies nun bereits die letzte Nummer von Irmella und Ferdinand sein würde, hatte wohl auch niemand realisiert. Jener junge Mann nebenan, der zu Beginn des Programms alles andere als motiviert war, klatscht begeistert in die Hände und lacht. Sekunden später gerät er ins Staunen. Und verstummt. - Irmella spielt mit dem Feuer. Ferdi spielt Klarinette. Dann folgen Trommelwirbel. Die Spannung steigt. Feuerschlucken ist angesagt. Beinahe genüsslich verschlingt Irmella den brennenden Stab, als wolle sie ihn schlucken. Noch bevor man sich Gedanken über das ‘Wie’ und ‘Warum’ machen kann, ist die 30minütige Gauklervorführung von "Minicirc" zu Ende. Mit der Bitte, beim Heimweg Ausschau nach Pablo zu halten, zaubert die Zirkusdirektorin ihr Publikum zurück in die Realität.

Jene Realität, mit der Fiedler und Dietrich als "Minicirc" konfrontiert werden, ist nicht immer ganz einfach. Zwar können die beiden vom Gauklerzirkus leben, aber nur "dank unserer bescheidenen Lebensweise". "Solange der Traktor läuft, geht es gut. Sonst müssten wir allerdings aufhören", gibt Dietrich zu bedenken. Es herrsche immer eine gewisse Ungewissheit. Fragen wie "wie läuft es heute?" oder "was machen wir nächstes Jahr" sind ständige Begleiter. "Ich finde diese Spannung sehr reizvoll. Natürlich ist es eine wackelige Situation. Doch es kommt immer wieder Neues auf uns zu. Wir möchten nicht gebunden sein. Das ist eine schöne Freiheit." Auf dem roten Klapptischen vor dem einen Wagen stehen Mineralwasser und Gebäck. Schwäne steuern im Sinkflug das Seeufer an. Eine kleine Ratte taucht aus dem Gebüsch auf und verschwindet wieder. Fiedler hat sich inzwischen umgezogen und stillt ihren Hunger mit Keksen aus der Blechdose. "Ich bin sehr naturverbunden und geniesse es, draussen zu sein. Wenn es kälter wird, sitzen wir im warmen Pulli vor dem Wagen." Das Leben auf engstem Raum scheint den beiden keine Probleme zu bereiten. Im Winterquartier in Arlesheim BL können sie sich in ihren eigenen Wagen zurückziehen. Im Sommer wird so viel wie möglich draussen erledigt. Duschen liegt nicht jeden Tag drin. "Wir waschen uns halt mehr." Das Innere der beiden Wagen ist zweckmässig eingerichtet. Ein Bett ganz am anderen Ende des Eingangs. Gleich links der Gasherd und das Brünneli. Oben ein Spiegel mit Rasierspiegel. Anschliessend der kleine, alte Bürotisch.

Heute abend wird gegrillt. Freunde kommen zu Besuch. Normalerweise kocht die Zirkusdirektorin das Abendessen. "Irmi kocht sehr gut. Viel Gemüse und so." Ein paar Peperoni warten in der Schüssel neben dem Gasherd darauf, auf den Grill geworfen zu werden. Daneben ein paar Würste, vakuumverpackt. Noch bis Samstag bleiben sie hier, dann zieht es das Zirkuspaar weiter Richtung Unterägeri und Küstnacht a.R. Nächstes Jahr soll es den "Minicirc" in dieser Form nicht mehr geben, verrät Dietrich. "Wir kennen den Minicirc mittlerweile und wollen wieder etwas Neues machen. Wir würden gerne mit mehreren Artisten zusammenarbeiten. Das wäre für uns eine Bereicherung. In Las Vegas werden wir allerdings nicht auftreten..." Vielleicht wird Pablo nächstes Jahr wieder mit von der Partie sein...