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Dampflok-Kurse

"So eine Lok ist doch fast schon erotisch"

Der Traum vom Lokomotivführer wird wahr. Bei den Dampflok-Kursen der Brienz Rothorn Bahn können Mann und Frau so richtig Dampf ablassen.

VON FABRICE MÜLLER

Die Hände sind schwarz, die Kleider durchnässt und der Magen knurrt. Stampfend und schnaubend nimmt die Dampflok "Nr. 2", Baujahr 1891, die 22- Prozent-Steigung in Angriff. Armin H. (60), von Beruf Treuhänder, hat neben Lokführer Kurt Will alle Hände voll zu tun. Laufend zerkleinert der Amateur-Heizer mit mehr oder weniger gekonnten Hammerschlägen die aufgestapelten Briketts und wirft sie durch die kleine Luke ins lodernde Feuer. Das ganze passiert auf engstem Raum. Heizen ist Knochenarbeit pur. Vor allem für Schreibtischakteure. Plötzlich gibt der Lokführer den Befehl zum Bremsen. Alles muss schnell gehen. Jeder Handgriff muss sitzen. Sichtlich gestresst dreht Armin H. am Bremshebel. Dann werden Ventile geöffnet. Und wieder geschlossen. Alles unter den wachsamen Augen des Lokführers. Die Bremsen quietschen. Ein Zischen. Ein Pfeifen. Bis die 14 Tonnen schwere Lok mit Wagen zum Stillstand kommt. Kalt ist’s hier oben auf der Planalp, 1341 m.ü.M., Mittelstation der Brienz Rothorn Bahn. "Eine Lawine hat hier diesen Winter das Stationshaus mitgerissen und die Wassertankanlage für Dampfloks zerstört", erzählt Will den acht Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Dampfworkshops der BRB.

Bereits seit fünf Jahren führt die BRB Dampfworkshops und -kurse für jedermannn und jedefrau durch. 75 Teilnehmerinnen und Teilnehmer liessen sich bis heute von den schwarzen, dampfenden Ungetümen und der abwechslungsreichen Berglandschaft faszinieren. Neben den viertätigen Workshops für Anfänger gibt es Schnuppertage sowie die Fortgeschrittenenkurse I und II. Im letzten Kurs kann die Heizer-Prüfung abgelegt werden. Alois W., ehemaliger Schreiner, wird ab Juni (Saisonbeginn) als Heizer bei den öffentlichen Dampffahrten im Einsatz stehen. Zurzeit bereitet er sich auf die Heizer-Prüfung vor und begleitet Lokführer Will auf seinen Fahrten. Willy B. (58), Vizedirektor eines Schweizer Kernkraftwerks, nutzt diesen Kurs, um "die <Batterien> aufzuladen und neue Energie zu tanken". So auch Alfred B. (56), Amtsvormund, der den Kurs zusammen mit seiner Partnerin Christine P. (51), Sozialarbeiterin, absolviert. Weiter schlüpften ein Treuhänder, zwei Elektroingenieure, ein Spengler-Installateur sowie ein Grenzwächter in die blau-weiss gestreiften "Übergwändli" und setzen sich die typische schwarze Lokführermütze auf. "Viele Angestellte aus leitenden Stellungen besuchen unsere Kurse. Wir haben auch Teilnehmer aus Deutschland und England. Sie kommen hierher, um für ein paar Tage abzuschalten", berichtet Will.

Von der Planalp aus geht’s weiter Richtung Brienz Rothorn. Bis ganz nach oben darf man allerdings noch nicht fahren. Die Schienen sind mit Schnee bedeckt. Zu gross ist zudem die Lawinengefahr. Das "Zügli" hält vor dem "Chuemadtunnel". Man reibt sich die Hände. Man knöpft die Regenjacken zu. Es ist ziemlich ungemütlich hier oben auf 1600 m.ü.M. In der Ferne sind ein paar Gemsen auszumachen. Als die Lok einen Pfiff von sich gibt, suchen die Tiere das Weite. Die Retourfahrt ist angesagt. Im roten Holzwagon - ebenfalls Baujahr 1891 - sind die "Hobby-Heizer" vor dem Regen geschützt. Die Mitteilung, das Mittagessen stehe jetzt auf dem Programm, kommt einer frohen Botschaft gleich und versetzte einige in Freudenstimmung. Das Wetter scheint nicht spurlos an ihnen vorbei zu gehen. Obwohl: wettermässig können sie sich nicht beklagen, denn in den letzten drei Tage war das Wetter stets gut.
Zum Mittagessen im Restaurant Planalp gibt’s selber gemachten Kartoffelstock mit Gemüse und Braten. Zum Dessert Meringue, Schlagsahne und einen "Dampf-Kaffee". Die beiden Wirtefrauen Christine und Anni Flück kennen die Bedürfnisse der Hobby-Heizer.

Der Anfängerkurs beinhaltet zum einen eine Orientierung über die Brienz Rothorn Bahn; zum andern erfahren die Teilnehmer Interessantes über die Dampflokomotive. So stehen am ersten Kurstag folgende Punkte auf dem Programm: Funktion der Dampflokomotive, Maschine allgemein, Antrieb, Bremssysteme, Befeuerung, Unterhalt/Revisionen, Vorstellwagen, Fahrbetrieb/Strecke, Zugseinsatz und Unfallverhütung. Anschliessend folgte eine erste "Berührung" mit der Dampflok. Der nächste Tag ist mit dem ersten Praxiseinsatz verbunden. Es beginnt mit dem Anheizen der Lok und den täglichen Unterhaltsarbeiten. Danach dürfen die Teilnehmer ihre ersten "Heizerversuche" in die Tat umsetzen. Gefahren, geheizt und geschwitzt wird auch an den folgenden zwei Tagen. In der Streckenmitte müssen der Wassertank aufgefüllt und die Lok geölt und geschmiert werden. So bleiben alle in Bewegung.

Wer etwas über den Bau der Strecke erfahren möchte, ist bei Kondukteur Paul Guinand an der richtigen Adresse. So macht er seine Gäste zum Beispiel auf den "Nuggi-Baum" am Streckenrand aufmerksam: "Immer wieder werfen Kleinkinder ihre Nuggis aus dem Zug. Ein Streckenwärter sammelt sie ein und hängt sie seit Jahren an den selben Baum." Sechs Tunnels und zwei Galerien sorgen auf der 60minütigen Fahrt für Abwechslung. Schnell muss man sein, damit man durch die beiden Tunnelfenster hinab auf Brienz und den normalerweise tiefblauen See blicken kann. Schon bald ist die Baumgrenze überschritten. An schönen Tagen weiden hier Kühe auf den satten Alpweiden. Mit 7,6 Kilometern Länge und 1678 Metern Höhenunterschied gehört die Brienz Rothorn Bahn zur Schweizer Zahnradbahn mit dee grössten Höhendifferenz. 700 Arbeiter waren beim Bau der Strecke beteiligt - in einer Rekordbauzeit von nur eineinhalb Jahren.

Weitere interessante Informationen zur Bergbahn sowie über das Dorf Brienz erhalten die Teilnehmer an den abendlichen Dia-Vorführungen, auf dem Dorfrundgang sowie beim Besuch einer Holzschnitzerei. "Der Workshop ist kein sturer Fachkurs. Wir wollen den Besuchern zeigen, zu welchen technischen Leistungen die Menschen bereits vor über 100 Jahren fähig waren. Wir möchten ihnen die Ideologie von damals näherbringen. Wir bieten ihnen ein Stück Nostalgie. Nicht vergessen wollen wir die Achtung vor den Erbauern. Ich bin stolz auf diese Bahn", betont Will. "So eine Lok ist doch fast schon erotisch. Diese Maschine lebt."

Auf dem Rückweg nach Brienz kommt Willy B. als Heizer zum Einsatz. Friedlich ruht das Mittagessen in den Mägen. In Brienz müssen Lok und Wagen geputzt werden. Anschliessend ist die Schlussbesprechung und Diplomübergabe mit Apéro durch den Direktor geplant.

Dampfkurse der Brienz Rothorn Bahn

Dampf-Schnupperkurs speziell für die Leserinnen und Leser der Coop-Zeitung:
24. Juni
Reguläre Dampf-Schnupperkurse: 25. Juni,
8. Oktober
Maximale Teilnehmerzahl: 10 Personen
Zeit: 13.00 bis 17.30 Uhr
Kosten: 100 Franken

Dampfworkshops
9. bis 12. Mai 2000 (Anfängerkurs)
16. bis 19. Mai (Fortgeschrittene I)
23. bis 26. Mai (Fortgeschrittene II)
Maximale Teilnehmerzahl: 8 Personen
Kosten: 1400.-- Franken, inkl.
3 Übernachtungen und Halbpension

Information und Anmeldung:
Brienz Rothorn Bahn (BRB)
Postfach
3855 Brienz
Tel. 033 952 22 11
Fax 033 952 22 13
Internet: www.brienz-rothorn-bahn.ch
E-Mail: info@brienz-rothorn-bahn.ch