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Erschienen im CASH am 30. April 1999

"Als wir das Kind beim Eingang erwischten, flüchteten die Eltern und liessen ihren fünfjährigen Sohn alleine"

Er bummelt durch den Laden und benimmt sich wie ein normaler Kunde. Doch kaufen will er nichts. Er verfolgt ein anderes Ziel. CASH heftete sich an die Fersen eines Ladendetektivs.

Fabrice Müller

Der Mann mit dem Knopf im Ohr verstummt. Der Blick gebannt. Die Hand am linken Ohr. Sekunden später eilt er zur Tür. Lässt die Herrenbekleidungsabteilung hinter sich. Dann die Treppe hinunter. Wie im Krimi. Bahnt sich schnellen Schrittes seinen Weg durch die Menschenmenge. Hinter einem Bücherregal bezieht er Position. Und wartet. Das Mikrofon hinterm Kragen versteckt. Die Hand am Ohr. Blick auf die Rolltreppe. Von dort muss er kommen. Kollege B. und Kollegin M. sind auch schon da. Ebenfalls mit Knopf im Ohr. Plötzlich geht alles sehr schnell. Unauffällig nähern sie sich der Person, deren Signalement per Funk durchgegeben wurde. Ein kurzes Gespräch. Die Aufforderung, mitzukommen. Dann verschwinden sie in der Menge. Alle vier.

Der Fall ist klar
Im Untergrund trifft man sich wieder. Im Büro des Sicherheitsdienstes der Manor AG in Basel. Die Ladendetektive haben gute Arbeit geleistet. Der Dieb - ein Teenager - wurde bei seiner Tat vom Personal beobachtet und dem Sicherheitsdienst gemeldet. Dort verfolgte man den jungen Mann mit den Kameras, bis er beim Ausgang - wo drei Detektive bereits auf ihn warteten - ins Netz ging. In einem kleinen Zimmer in der Zentrale des Sicherheitsdienstes ist nun Endstation. Ein zirka zwei auf drei Meter grosser, weiss gestrichener Raum. Nur mit dem Nötigsten ausgerüstet: Tisch, Bank (angeschraubt), Ventilator, Poster und Kamera. Der Junge muss seinen Rucksack entleeren. Ein Ball kommt zum Vorschein. Eine CD. Ein Computerspiel. Die Detektive fragen nach Kassenzetteln. Vergeblich. Der Teenager ist unsicher. Versucht sich herauszureden. Murmelt was von einem Kollegen. Windet sich. Will es zuerst nicht zugeben. Für die Detektive ist der Fall klar: Diebstahl in drei Geschäften. Wenn er es zugebe, sei es eine schnelle Sache, sagt Detektiv K. Sonst müsse die Polizei bei allen drei Läden Abklärungen treffen. Während dieser Zeit bleibt der Junge in Haft. Er könne es sich überlegen. Die Personalien des Jungen werden aufgenommen und die Polizei informiert.

Am liebsten am Dienstag und Mittwoch
Rund 400 Ladendiebstähle wurden 1998 bei der Manor in Basel registriert. 425 waren es im Jahr zuvor. Das Alter der Diebe bewegt sich zwischen 5 und 86 Jahren. Die häufigsten Täter sind zwischen 10 und 16 (84) sowie 18 und 30 (193) Jahre alt. 75 Prozent der Festgenommenen sind Ausländer. Ein grosser Teil der ertappten ausländischen Täter geht auf das Konto von Personen auf der Durchreise. Bedingt durch die Nähe Basels zur Grenze liegt dieser Anteil über dem Verhältnis anderer Schweizer Städte. Dort ist das Verhältnis 50:50. "Ausländische Ladendiebe sind sehr oft organisiert und treten in Gruppen auf", erzählt der Sicherheitschef der Manor in Basel *. Sechs Ladendetektive, Videoüberwachung auf jeder Etage und Artikelsicherungssysteme wirken präventiv und repressiv.

Nicht nur die Sicherheitsmassnahmen in den Geschäften, auch die Mentalität der Diebe hat sich in den letzten Jahren verändert: "Viele Täter neigen heute häufig zu Gewalttätigkeiten. "Einmal wurden wir von fünf Kerlen angegriffen. Wir waren zu zweit und landeten beide im Spital."

Verräterische Blicke
Manor-Ladendetektiv K. ist seit 11 Jahren "im Geschäft". Er liebe die tagtägliche Spannung. Den Nervenkitzel. Selbst in der Pause bleibt der Knopf im Ohr. Erst nach fünf Jahren Praxis wird man in die Reihen der "echten Ladendetektive" aufgenommen. Der Beruf will gelernt sein. Es ist nicht jedermanns Sache, sich zu benehmen wie ein Kunde. - Sich zu verkleiden. - Das stundenlange Beobachten. - Das nötige Gespür. Ausserdem muss man stets auf dem Laufenden sein, sich an Sicherheitsmessen informieren und über die neusten Techniken der Ladendiebe Bescheid wissen. K. kennt die Verhaltensweisen potentieller Ladendiebe - seiner "Stammkundschaft": die Nervosität, die verräterischen Blicke nach links und rechts, der grosse Mantel (auch bei warmen Temperaturen), der offene Rucksack und die leere Sporttasche. Manchmal ist K. mehrere Tage hinter jemandem her, von morgens bis abends, bis er ihn endlich überführen kann. Dann spricht er von Stolz, von einem Glücksgefühl, es endlich geschafft zu haben. "Traurig" empfindet er es, wenn Eltern in der Weihnachtszeit für ihre Kinder Geschenke stehlen. K. erzählt von einem Fall, wo die Eltern ihr Kind zum Stehlen in den Laden schickten. "Als wir das Kind beim Eingang erwischten, flüchteten die Eltern und liessen ihren fünfjährigen Sohn alleine. Das war sehr tragisch. Der kleine <Chnopf> sass bei uns im Büro und machte vor Angst in die Hosen."

Klimaanlage zu stehlen versucht
In Jugendbanden gilt der Ladendiebstahl häufig als Mutprobe. Wer keinen Nike-Turnschuh trägt, wird von der Gruppe ausgeschlossen. "Es kam schon vor, dass ein Lehrer Waren zurückbrachte, die seine Schüler bei uns gestohlen hatten." Neben Sportartikel- sind Unterhaltungselektronik- und Parfümabteilungen bei Langfingern besonders beliebt. "Der grösste Diebstahl, den wir erlebt haben, war eine Klimaanlage. Die Anlage war halb so gross wie ein Tisch. Der Dieb zog das Gerät durch den ganzen Laden", berichtet der Sicherheitschef. Gestohlene Waren werden häufig im Drogenmilieu wiederverkauft oder ins Ausland verschickt. K.: "Einmal wollte uns in der Stadt ein Schwarzhändler gestohlene Manor-Artikel verkaufen. Da hatte er Pech..."

Unterdessen bummeln K. und seine Kollegen wieder durch die Regale und Stände des Warenhauses. Zurzeit sei die Lage ruhig...

* Aus Sicherheitsgründen wird der Name nicht genannt.

"Leider ein Dauerthema"

Ladendiebstahl ist ein Problem, das in den letzten zehn Jahren stark zugenommen hat. Dies kann Barbara Imwinkelried, Geschäftsführerin des Schweizerischen Verbandes der Waren- und Kaufhäuser, bestätigen: "Wir schenken dem Problem grosse Beachtung." - "Es ist leider ein Dauerthema, das wir ständig verfolgen müssen", so Bruno Riedo, Vizedirektor Coop Bern-Biel. Mit dem Anstieg der Ladendiebstahldelikte hat sich die Art und Weise der Diebstähle verändert: "Die Täter treten viel organisierter auf, professioneller, in Gruppen", weiss Heinz Schibli, Leiter Sicherheitsdienst und Inspektorat bei der Migros Aare, zu berichten. "Uns sind vor allem Diebesbanden aus den Oststaaten bekannt, die Waren stehlen und wieder verkaufen oder in ihre Heimatstaaten schicken", erzählt Markus Melzl, Kriminalkommissär der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt.

1,5 Milliarden gehen verloren
Eine klare Sprache sprechen die Zahlen der überführten Ladendiebstähle. Zwischen 18'000 und 20'000 Ladendiebe wurden 1997 in den Migros-Filialen der Schweiz festgenommen. Im Kanton Basel-Stadt hat die Polizei 1997 und 1998 rund 2300 Ladendiebe registriert. 1992 waren es noch 1572. Der Schaden, der durch die Ladendiebstähle entsteht, ist hoch. Laut Schibli beträgt bei der Migros die Deliktsumme rund 800'000 Franken pro Jahr. Er schätzt, dass im gesamten Detailhandel der Schweiz zirka 1,5 Milliarden Franken durch Ladendiebstähle verloren gehen - bei einem Jahresumsatz von rund 80 Milliarden Franken.

Elektronische Warensicherung
Was wird dagegen unternommen? "Die Anzahl professioneller Sicherungsanlagen hat in den Geschäften im letzten Jahr um 20 bis 40 Prozent zugenommen", informiert Johann Potetz, Präsident des Schweizerischen Verbandes der Errichter von Sicherheitsanlagen. Bei der Migros-Genossenschaft Aare wird seit eineinhalb Jahren die elektronische Artikelsicherung eingebaut. Auch andere Geschäfte und Warenhäuser haben die sogenannte Quellensicherung eingeführt.