Zurück zur Übersicht "Kostproben"

Erschienen im Tourismusmagazin SCHWEIZ DIREKT, Mai 2000

Kühe

Eben noch auf der grünen Wiese, jetzt im Scheinwerferlicht auf der "Fifth Avenue"

Die Kuh ist des Schweizers Nationaltier. Das Symbol für helvetische Gemütlichkeit. Doch Kühe können mehr, als Muhen und Milch produzieren. – Zum Beispiel Schokolade verkaufen, gute Filme drehen, in Opern auftreten oder als Kunstwerk in New York landen.

Hand aufs Herz: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die Schweiz denken? Schokolade, Berge, Banken, jodelnde Sennen, und... – natürlich: Kühe. Was für den Araber das Kamel und für den Australier das Känguruh, das ist für die Schweiz die Kuh. Sozusagen das Nationaltier (noch vor dem Goldesel!). Im Vergleich zu ihren Artgenossen in Indien ist die Schweizer Kuh jedoch alles andere heilig, eher so etwas wie ein guter Kumpel, ein Schwerarbeiter, den so schnell nichts erschüttern kann. So hat man jedenfalls den Eindruck. Träge steht sie auf ihren saftigen Weiden herum, kaut ihr Gras (meistens mehrmals) und macht wahrlich nicht gerade den intelligentesten Eindruck. Ein müdes "Muuuuhh" ist alles, was sie akustisch zu bieten hat, von der Kuhglocke mal abgesehen. Kein Wunder, kursiert die "dumme Kuh" weit oben auf der Beliebtheitsskala der Schimpfwörter. Doch um es gleich vorwegzunehmen: Wir tun ihr Unrecht – dem Symbol für helvetische Gemütlichkeit.

Kuh im Stall = Porsche in der Garage
In nicht allzu fernen Zeiten, als die Schweiz noch ein armes, karges Land war, bewohnt von Bauern und Hirten, kam die Kuh einem heutigen Porsche gleich. Wie der Porsche war auch die Kuh teuer im Unterhalt, da sie viel Benzin – Verzeihung! – Gras brauchte. Erhielt sie jedoch die nötige Pflege und Nahrung, belohnte sie ihre "Untertanen" mit viel Milch, aus der man den berühmten Schweizer Käse herstellte, natürlich auch heute noch. In der Sagenwelt ist die Kuh von einem Hauch der Mystik umgeben. Geschichten wurden erzählt von besonders schlauen oder bösen von verwunschenen, verhexten oder heiligen Kühen. Von solchen, die nachts aus dem Stall schlichen, das fetteste Gras frassen und am nächsten Tag wieder still an ihrem Platz standen. Einige Kühe kämpften sogar mit wilden Tieren, andere begannen zu weinen, nachdem sie von ihren Besitzern verkauft wurden.

Kühe als Filmstars
Heute ist alles anders. Die Kuh dient nicht mehr nur als friedliebendes Nutz- und Arbeitstier, nein, sie hat sich in ein wahres "Business Animal" entwickelt, in eine clevere Geschäftsfrau, die sich erfolgreich vermarktet, ihr Äusseres zu Barem macht. Zum Beispiel in der Werbung: Die Milka-Schokolade wäre ohne die gut genährte Kuh auf der Verpackung oder in der Fernsehwerbung kaum mehr vorstellbar. Bereits 1901 zierte ein Simmentaler Fleckvieh die lila Verpackung. 1973 wurde dann auch die Kuh lila und mauserte sich endgültig zum Filmstar. Unter tierärztlicher Aufsicht wurde sie für den Dreh mit Lebensmittelfarbe fein gemacht. Zunächst musste jedoch eine TV-Spot-taugliche Kuh gefunden werden. Eine Simmentaler Rasse sollte es sein, wegen ihrer Idealmasse, dem grossen, weissen Kopf, der symetrischen und gleich grossen Hörnern sowie ihres geraden Rückens. Das Kuh-Model benötigt ausserdem ein rundes, gleichmässig geformtes und grosses Euter, weil das nach viel Milch aussieht. Und schwanger sollte die Kuh auch sein, weil sich so die Fläche der Plazierung des Milka-Logos vergrössert. Um den Bewegungsdrang der Kuh zu verringern, wird sie vor dem Bemalen und Drehen zünftig gefüttert – mit Gras natürlich. Die aktuelle Darstellerin heisst "Hofdame" und kommt aus Matrei in Osttirol. In der Schweizer Milchwerbung – wie könnte es auch anders sein – sorgt ebenfalls eine Kuh für Furore. "Lovely" heisst sie und steht seit 1992 unter Vertrag. Im Gegensatz zu ihrer lila Kollegin aus dem Hause Jakob Suchard zeigt sich Lovely von der aktiven Seite. Alle Vorurteile gegenüber Kühen wirft sie über den Haufen, spielt perfekt Fussball, tanzt Ballett, landet auf dem Mond und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Neun Filme wurden bis heute realisiert. Weitere folgen, sind aber noch streng geheim. Bei den Drehaufnahmen benimmt sich Lovely wie ein Hollywood-Star: Macht es ihr keinen Spass mehr, läuft sie einfach davon und liest ihre Fanpost. Die "coole" Kuh scheint in der Vermarktung ihrer weiss-schwarzen Wenigkeit geradezu eine goldene Nase zu haben: Mittlerweile gibt es unzählige Lovely-Souvenirartikel, von der Küchenschürze über Kaffeerahmdeckeli bis zum Frotteetuch und Kinderschwimmring.

Kühe als Kunstwerk
Wer so berühmt ist, legt natürlich Wert auf sein Äusseres. Wussten Sie, dass Kühe eitel sind? Die Anführerin einer Kuhherde trägt die schönste und grösste Glocke. Und ist mächtig stolz darauf. Seit Jahrhunderten gibt es in der Schweiz Schönheitskonkurrenzen für die vierbeinigen "Milchproduzenten". Die sogenannten Viehschauen lassen das Herz jedes Bauers höher schlagen. Da liegt es auf der Hand, dass sich Frau Kuh für einen solchen Anlass besonders chic machen möchte. Das "Styling" nimmt an solchen Schauen einen wichtigen Platz ein. An Kopf, Hals und Euter werden die muhenden Schönheiten von versierten Spezialisten auf ihren grossen Auftritt mit vielen Tricks und Kniffen herausgeputzt. Neben der absoluten Schönsten gibt es oft auch Sonderauszeichnungen wie zum Beispiel die Miss "Schönstes Euter". Dass Kühe fotogen und umsatzfördernd sind, bewiesen sie auch in Zürich. Anlässlich der Aktion "Land in Sicht – auf nach Zürich!" wurden über 800 Kühe aus Polyester in der Innenstadt verteilt. Bunt bemalt, in allen möglichen und unmöglichen Farben, stehend, fressend oder liegend, lockten die lebensgrossen Kühe mehr als eine Million zusätzliche Besucher aus dem In- und Ausland nach Zürich. Auf Einladung des Bürgermeisters von New York soll diese Aktion nun im Sommer unter dem Titel "Zurich Cows on Parade in New York City" die Bevölkerung der Millionen-Metropole am "Hudson River" erfreuen. Auf verschiedenen bekannten Plätzen entlang der "Park Avenue" und der "Fifth" Avenue, im "Central Park" und anderen Orten sollen die mehreren hundert "Zurich Cows" "weiden". Vorher werden sie jedoch von renommierten Künstlern in regelrechte Kunstwerke verwandelt. Neben New York erwartet man die Kühe auch in Los Angeles und Salzburg.

Kühe würden Mozart hören
Kühe haben Geschmack – nicht nur, was ihr Äusseres betrifft, auch in Sachen Kultur haben sie die Nase vorn. Von wegen ungebildete Kuh! Die Landesvereinigung der Milchwirtschaft Nordrhein-Westfalen (D) führte 1998 mit 180 Kühen einen Versuch durch, bei dem die Tiere jeweils einen Tag mit verschiedenen Liedern beschallt wurden, und verglich den Milchertrag mit einem Kontrolltag, an dem es still blieb im Stall. Das Ergebnis: Tatsächlich gaben die Kühe bei Mozarts "Kleiner Nachtmusik" 0,6 Prozent mehr Milch, und auch Guildo Horns Schlager regte die Drüsen an. Bei der Punkmusik der Toten Hosen ("Hier kommt Alex") verringerte sich der Milchfluss. Auf Volksmusik standen die Rinder überhaupt nicht: Hörten sie "Herzilein" von den Wildegger Herzbuben, gaben sie 2,5 Prozent weniger Milch als am Kontrolltag. Manchmal werden die Kühe sogar selber kulturell aktiv: Als am Theater Basel kürzlich Mozarts Oper "La Finta Giardiniera" aufgeführt wurde, liess sich eine Kuh mitten auf der Bühne von einer Darstellerin melken (der Milchertrag hielt sich allerdings in Grenzen).

Kühe als feurige Kämpferinnen
Wie bei den Menschen gibt es auch unter den Kühen solche, die nicht viel mit Schönheit oder Kultur am Hut haben. Zu ihnen gehören die Walliser Kühe der Eringerrasse. Sie sind bekannt für ihr angriffiges Wesen. Mit ihren lebhaften Augen und den wachsam kreisenden Ohren sind sie nicht nur kräftige, sondern oft auch listige und feurige Kämpferinnen. Ein bei Touristen wie Einheimischen besonders beliebter, weil spektakulärer Brauch sind die "Combats des Reines" (Kuhkämpfe), die im Wallis veranstaltet werden. Nach vielen Zweikämpfen von Kuh zu Kuh gewinnt diejenige, die alle anderen besiegt hat. Sie wird zur "Königin" ernannt. Manchem Walliser Bauer ist es wichtiger, eine erfolgreiche Kampfkuh im Stall zu haben als eine gute Milchkuh. Die Kuhkämpfe sind eine faire, fast demokratische Schweizer Alternative zum ungleichen Kampf zwischen Stier und Torero. Im Gegensatz zu den spanischen Stierkämpfen gibt es bei den Walliser Kuhkämpfen nie tote und kaum je verletzte Kühe.

Kühe und ihr langweiliges Sexualleben
Normalerweise sind Schweizer Kühe jedoch für ihre qualitativ hochstehende Milch- und Fleischproduktion bekannt. Im September letzten Jahres wurden auf Initiative des Schweizerischen Bauernverbandes 500 Kühe nach Kosovo geflogen, um den dortigen durch den Krieg dezimierten Viehbestand zu ersetzen. Die Schweiz dagegen hat keinen Mangel an Kühen. 752'000 Artgenossen haben hier ihren "Wohnsitz". Eine Schweizer Kuh produziert durchschnittlich 5130 Kilogramm Milch pro Jahr. Die jährliche Kuhmilchproduktion beträgt rund 3'873'000 Tonnen. Für den Nachwuchs sorgt heute immer weniger der Stier. 80 Prozent des Schweizer Braunviehs werden künstlich besamt. Statt dem Stier kommt der Besamungstechniker vorbei. – Was das Sexualleben einer Kuh sicher nicht interessanter macht... Ob dies bei den heiligen Kühen in Indien wohl anders ist