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Erschienen in der NZZ vom 15.7. 2000

Goldwaschen in der Schweiz

Nicht alles ist Gold, was glänzt!

Beim Goldwaschen wird man nicht reich. Um so wertvoller sind dafür der Erholungswert, die Nähe zur Natur und die Befriedigung der Abenteuerlust. Gold kann in verschiedenen Regionen der Schweiz gefunden werden, zum Beispiel im Napfgebiet.

Fabrice Müller

Die Gummistiefel an den Füssen erinnern an jene kindliche Zeit, als das Planschen in Bächen und Pfützen noch zum Tagesprogramm gehörte. Und der Rucksack am Rücken steht für den einstigen jugendlichen Entdeckungsdrang. Kein Wunder, kommt nun die Abenteuerlust wieder zum Vorschein. Die Äuglein glänzen sichtbar heller. Der Adrenalinspiegel steigt stetig an, je lauter das Rauschen des Flusses in den Ohren ertönt. Wie schnell man doch vom verweichlichten "Flachland-Bürogummi" zum unerschrockenen Abenteurer wird! Goldwaschen im Napfgebiet steht auf dem Programm! Dort, wo die grosse Fontanne in die kleine Emme fliesst, versuchen wir unser Glück - zusammen mit der sechsten Primarklasse aus dem bernischen Ittingen. In Reih’ und Glied stehen die 24 Jungs und Mädchen nebeneinander in der Fontanne. Die Gummistiefel reichen ihnen fast bis an die Knie, das Wasser auch. Die Köpfe sind nach vorne über blaue und schwarze Kunststoffwannen gebeugt. Darin schwimmen Kies, Sand und Wasser. - Und vielleicht auch ein kleines Goldkörnchen, wer weiss? Die Wannen werden hin und her geschüttelt, nach vorne gekippt, leicht ausgespült, wieder geschüttelt, bis das grobe Gestein aus dem Flussbett wieder im Wasser landet und nur noch ein Esslöffel feiner Sand und wenig Wasser übrigbleiben. Mit Gefühl wird der Sand hin- und hergeschwenkt, in kreisrunden Bewegungen, fast wie beim Bauchtanz. Ziel ist es, den leichten hellen vom schweren schwarzen Sand zu trennen. Im schwarzen Sand befinden sich Schwermetalle wie Quarz, Granit - und Gold. Gold ist 19mal schwerer als Wasser und neunmal schwerer als Kies. Mit etwas Glück und Fingerspitzengefühl sammeln sich ein, zwei oder gar drei klitzekleine Goldkörnchen bzw. Flitter am untersten Wannenrand an.

Goldfieber und Abenteuerlust
"Ich hab’ einen!", schreit der 13jährige Louis und strahlt über beide Ohren. Innert Sekunden schart sich die halbe Klasse um ihn, um seinen glänzenden "Fang" zu bewundern. Weiter rechts stecken drei Mädchen ihre Köpfe zusammen und suchen mit Adleraugen ihre Wannen nach möglichen Goldkörnchen ab. Der eine Junge hat sich zu weit in den Bach hinausgewagt und muss seine Gummistiefel "entwässsern". Toni Obertüfer steht mit seinen grünen Fischerstiefeln im trüben Wasser und schaufelt laufend Kies und Sand in die Wannen der Kinder, während ein paar hundert Meter weiter rechts die kleine Emme Richtung vorbeibraust. Am meisten Gold befinde sich in der Regel unter den grossen Steinen. Da Gold schwer ist, kommt es wie die grossen Gesteinsbrocken im Wasser nur langsam voran, erklärt der Experte, der wie ein typischer Goldwäscher aussieht. Auf dem Kopf ein grosser schwarzer Filzhut - den vorderen Rand nach oben geklappt - , auf dem verwaschenen Jeanshemd eine Goldwäscherfigur, an den Beinen Jeans - wie sie schon die amerikanischen Vorbilder trugen - sowie Fischerstiefel, und in den Augen jenes Funkeln, das von Goldfieber und Abenteuerlust erzählt.

Bundesrat beim Goldwaschen
Goldfieber und Abenteuerlust waren es denn auch, die den ehemaligen Versicherungsexperten dazu brachten, sein bisheriges Leben so ziemlich umzukrempeln und das Hobby zum Beruf zu machen. Er hatte genug vom Stress am Arbeitsplatz und der Tatsache, dass er wegen Überstunden und Weiterbildungen seine Familie immer weniger sah. Vor elf Jahren hängte er seinen Job an den Nagel, reiste als Goldwäscher durch Kuba, Südamerika, Kanada, Asien, usw., gründete die "Goldwasch-Tour" und eröffnete den "Goldwasch-Shop" in Willisau. Für Firmen, Vereine, Schulen und Einzelpersonen organisiert Obertüfer "goldige Abenteuer", sprich Goldwasch-Kurse im Entlebuch, Emmental und luzernischen Hinterland. Hinzu kommen weitere Angebote wie Hornussen, Tontaubenschiessen, Lama-Trekking, usw. Der Goldwasch-Shop ist zum wahren Mekka der Goldwascher geworden. Hier findet sich alles, was das Goldwäscher-Herz begehrt. Selbst ins Ausland verschickt Obertüfer Ausrüstungsgegenstände wie Pfannen, Schleusen, Schaufeln, Pumpen, Hüte, Gürtelschnallen, usw. Die Goldwasch-Saison dauert in der Regel von April bis Ende Oktober. Praktisch jeden Tag weiht Obertüfer Interessierte in die Geheimnisse des Goldwaschens ein, manchmal sogar mehrmals täglich. Die Mund-zu-Mund-Propaganda laufe bestens, auf Werbung könne er grösstenteils verzichten. Über die Zahl seiner Kunden möchte er sich jedoch nicht äussern. Im Winter trifft man Obertüfer beim sogenannten "Indoor-Goldwaschen" an. In Fässern bringt er Wasser, Sand und Kies an Firmenanlässe, Messen oder Feste und bringt den Menschen das Goldwaschen näher. "Als ich mit den Goldwasch-Kursen begann, galt ich in der Region als Spinner. Manche sahen mich schon als Sozialfall enden." Daraus wurde jedoch nichts. Manchmal investiert Obertüfer bis zu 15 Stunden pro Tag in sein Geschäft. Die Ehefrau erledigt die Büroarbeit, der eine Sohn hilft bei Bedarf in den Goldwasch-Kursen aus. Vor fünf Jahren stattete der Gesamtbundesrat dem Aussteiger einen Besuch ab, um sich in die Kunst des Goldwaschens einführen zu lassen. Nach diesem Ausflug trat alt-Bundesrat Otto Stich in den Ruhestand. Ob sich das Goldwasch-Abenteuer für ihn besonders ausgezahlt hat...?

Goldwasch-Weltmeisterschaften 2003 in Willisau
Gold mochte schon immer die Menschheit faszinieren. Der Wunsch nach eigenem Goldbesitz ist vielen Erdenbürgern im Blut. Während früher vor allem ärmere Menschen das Goldwaschen als Zustupf an ihr geringes Einkommen betrieben, ist es heute ein erholsames Hobby in freier Natur - eher geeignet für geduldige Idealisten als für Materialisten. Über 400 Männer und immer häufiger auch Frauen (zirka einen Drittel) sind Mitglied der 1989 gegründeten Schweizerischen Goldwäschervereinigung (SGV); hinzu kommen zahlreiche Nichtmitglieder, die keinem Verein oder Verband angeschlossen sind. Die Schweizer Goldwäschergemeinde hat sich in den letzten Jahren laut Obertüfer konstant vergrössert. Die SGV vertritt die Interessen der Goldwäscher, führt jährliche Ausflüge und Vorträge durch, zeigt sich für die Publikation der vierteljährlich erscheinenden "Goldwäscherzytig" sowie den Internetauftritt www.goldwaschen.ch verantwortlich und organisiert alle zwei Jahre die Schweizermeisterschaften. Die Schweiz ist ausserdem Mitglied der "World Goldpanning Association" (WGA), dem Weltverband der Goldwäscher, und nimmt an den jährlichen Weltmeisterschaften teil. Bei den nationalen und internationalen Meisterschaften zählen die richtige Technik, die benötigte Zeit sowie die Menge des gefundenen Goldes. Acht bis zehn Liter Wasser, Sand und Kies werden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern innert zwei bis vier Minuten gewaschen. Das ständige Schwenken und Schütteln kann dabei ganz schön in die Arme gehen. Auch Kinder, Frauen und Senioren kommen in den jeweiligen Kategorien zum Zug. 1998 holte sich Marlise Lüdi aus Lauperswil BE den Weltmeistertitel und trägt seit dem den Übernahmen "Gold-Marlise". "Die Schweizer schaffen es häufig in den Final. Zu den vergiftesten Goldwäschernationen gehören jedoch Italien und Tschechien", erzählt Obertüfer. 2003 werden die Weltmeisterschaften in Willisau ausgetragen. Die Organisatoren rechnen mit 500 bis 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Europa und Übersee.

Wenn Sagen über ungeahnten Goldreichtum berichten
Gold kann in verschiedenen Regionen der Schweiz gefunden werden, wenn auch nur in sehr kleinen Mengen. Das Buch "Gold in der Schweiz" von Peter Pfander und Victor Jans gibt einen detaillierten Überblick über die möglichen Fundstellen. Die Goldvorkommen im Napfgebiet sind die ältesten und bekanntesten in der Schweiz. Vor rund 2000 Jahren wurden die Kelten im Rhein des gelben Edelmetalles fündig. Die Römer stiessen später wahrscheinlich ins Napfgebiet vor. Die Blütezeit des Goldwaschens im Napf war zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Dem Kanton Luzern wurden in dieser Periode rund 31 Kilogramm abgeliefert. Die letzten Berufsgolder wurden um die Jahrhundertwende registriert. Zum Reichtum brachte es allerdings keiner. Dafür zählt das Napfgold mit seinen bis zu 23,5 Karat zum reinsten Gold der Welt. Auch in der Ostschweiz versuchen Goldwäscher ihr Glück. Dass in den Flüssen und Moränen der Kantone Appenzell, St. Gallen, Thurgau und Zürich Goldvorkommen bestehen, wurde erst bekannt, als der Geologe Franz Hofmann aus Schaffhausen zwischen 1965 und 1985 intensive Felduntersuchungen durchführte. Hofmann hat zudem darauf aufmerksam gemacht, dass es zwischen alten Sagen und den Goldvorkommen durchaus einen Zusammenhang geben kann. Viele Schweizer Sagen erzählen von ungeahntem Goldreichtum. Der Geologe sammelte solche Geschichten und konnte nachweisen, dass an den beschriebenen Stellen manchmal tatsächlich Gold zu finden war. Für sein Waschgold ist der Rhein zwischen Basel und Mainz seit dem Mittelalter bekannt. In den kleinen Bächen rund um Basel kommt ebenfalls Gold vor. Die winzig kleinen Goldvorkommen sind auf Gletscherablagerungen während der Eiszeiten zurückzuführen. Über die Westschweiz erstreckt sich ein einziges, flächenmässig zusammenhängendes Goldvorkommen, wiederum aus den Gletscherablagerungen der Eiszeiten stammend. Der Rhonegletscher transportierte Goldvorkommen des Kantons Wallis nach Genf und Fribourg. Die Flussgoldbestände um die Stadt Genf sind - abgesehen vom Napfgebiet - die bekanntesten Vorkommen der Schweiz. Im Malcantone im Tessin sind mehrere kleine Schurfe bekannt, die bis ins Mittelalter zurückgehen. Die Goldminen von Astano wurden zwischen 1937 und 1961 betrieben. Die Goldmine "Goldene Sonne" bei Felsberg GR am Calanda war zwischen 1809 und 1856 in Betrieb. Die Berge um Disentis sind reich an Mineralien und Erzen. Das Goldvorkommen ist seit 1672 bekannt, wurde jedoch nie als wichtig angesehen. Dank der Initiative des Geologen David Knopf fanden Testbohrungen eine 30 Quadratkilometer grosse goldführende Zone entlang dem Vorderrhein.

123,1 Gramm schweres Goldnugget
Bei Distentis stiess Peter Bölsterli aus Winterthur 1997 auf das bisher grösste Schweizer Goldnugget. Es wog 123,1 Gramm. "Ich fand das Nugget hoch oben am Ufer, etwa einen Meter über dem Wasserspiegel. Ich arbeite nicht gerne im Wasser, sondern trage das Material lieber im Kessel zum Bach. Ich vermute, dass am Fundort ein altes Bachbett durchging. Schon am Morgen entdeckte ich dort ein zwei-Gramm-Stück in einem Felsschlitz. Insgesamt fand ich an diesem Tag 127 Gramm Gold - absolut phantastisch", erzählt der glückliche Finder. 20 Gramm schwer und einen Durchmesser von sieben Millimeter - dies ist der bisher grösste Goldfund, welchen Obertüfer in seiner Karriere als Goldwäscher vorweisen konnte. "Wenn wir mit einem Gramm Gold am Abend nach Hause zurückkehren, ist das normalerweise bereits ein sehr gutes Resultat." Einigen Goldwäscherkollegen gingen offenbar römische und andere historische Münzen ins Netz respektive in die Wanne. "Mir geht es nicht ums reich werden. Beim Goldwaschen kann ich mich in der freien Natur aktiv erholen. Ich schätze die Ruhe und die Nähe zum Wasser. Zudem liebe ich den unkomplizierten Umgang unter den Goldwäschern", begründet Obertüfer. Für die Weltmeisterin Marlies Lüdi liegt der Reiz des Goldwaschens in der Spannung und Ungewissheit, ob man an der richtigen Stelle sucht oder nicht. Als Anfänger verlässt man sich deshalb am besten auf den Fachmann.

Glück und Gespür - wie beim Lotto
Unser Goldwaschabenteuer hier an der Fontanne wird seit etwa einer halben Stunde von einem leichten Regenschauer begleitet. Doch das tut dem Goldfieber keinen Abbruch. Die meisten der jungen Hobby-Goldwascher sind inzwischen fündig geworden, so auch Rami (13), der seinen winzigen Flitter sorgfältig mit dem Finger auftupft und in das kleine, mit Wasser gefüllt Döschen streift. Das Sprichwort "nicht alles ist Gold, was glänzt" sollte beim Goldwaschen wörtlich genommen werden. Denn: Schnell einmal verwechselt der ungeübte Blick ein helles Sandkorn mit einem Flitter. "Das ist eine Niete", lautet die ernüchternde Feststellung des Experten beim Blick auf mein vermeintliches Goldkörnchen, das daraufhin sofort wieder im Wasser landet. Aller Anfang ist schwer. Wer seine Wanne zu wenig schüttelt und den "Spreu" vom "Weizen" bzw. das Gold vom Kies und Sand nicht richtig trennt, hat das Nachsehen. - Gut geschüttelt ist halb gewaschen. Neben der richtigen Technik braucht es aber auch Glück und viel Gespür. - Wie beim Lotto. Dabei sein ist alles. Und wer am Schluss noch ein Goldwäscher-Diplom in die Hand gedrückt bekommt, hat den Grundstein für seine weitere Golder-Karriere gelegt. Gummistiefel und Abenteuerlust wären vorhanden...