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Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung am 8. April 2000

Menschen, die das Gespräch mit Kriminellen suchen.
Einblick in eine Welt, die niemand sehen will

Ein Kadermitarbeiter einer Grossbank, seine Ehefrau und die Schwester eines Benedikterinnen-Klosters begegnen regelmässig den Gefangenen der Strafanstalt Bostadel in Menzingen ZG. Eine Aufgabe, um die sich niemand reisst.

Von Fabrice Müller

Für einmal ist alles wie im Film. Schleusen und Sicherheitstüren müssen passiert werden. Keine Türe öffnet sich, bevor nicht die andere ins Schloss fällt. Den hochempfindlichen Metalldetektoren entgeht keine Gürtelschnalle, kein Nägelchen im Schuh, nichts. Jede Bewegung, jeder verdächtige Blick wird von den allgegenwärtigen Videokameras erfasst und aufgezeichnet. Durch endlose, bunkerähnliche Betongänge schreitet man, um ins unheimliche Innere zu gelangen. Alles hallt – die Schritte, die schweren Sicherheitstüren, das eigene Räuspern. 15 Minuten dauert die Prozedur. 15 Minuten zwischen zwei Welten. Um 18.30 Uhr werden die Zellentüren geöffnet. Zirka 25 Gefangene treten heraus. Alle geduscht und chic gekleidet. Einmal im Monat treffen sich zwischen 25 und 35 Insassen der interkantonalen Strafanstalt Bostadel in Menzingen ZG mit den rund 16 Frauen und Männern der "Gesprächsgruppe Bostadel", um für zwei Stunden mit einem Menschen aus der "anderen Welt" über ihre Sorgen und Gefühle zu sprechen. Die Gesprächsgruppe Bostadel wurde vor 20 Jahren gegründet und ist eine Vereinigung sozial engagierter Erwachsener, die sich verpflichtet haben, regelmässig an Gesprächsabenden im Gefängnis teilzunehmen. Die Teilnehmer der Gruppe repräsentieren ein "kleines Stück normale Welt" in einem Umfeld, das sich eigene Gesetzmässigkeiten und Verhaltensmuster gegeben hat.

Unbekannte Seite der Gesellschaft
Edgar Granacher (57) aus Fällanden ZH engagiert sich seit 13 Jahren in dieser Gesprächsgruppe, nachdem er von einem Mitglied angefragt wurde, ob ihn diese Aufgabe nicht reizen würde. "Ich hatte schon immer eine soziale Ader, unter anderem bedingt durch mein Studium als Sozialpädagoge." Granacher arbeitet allerdings seit 30 Jahren im Kreditmanagement einer Schweizer Grossbank. "Mein Weltbild war mir zu einseitig. In meinem beruflichen und privaten Umfeld hatte ich nie mit dieser anderen Welt – jener der Straffälligen – zu tun. Ich wollte diese unbekannte Seite unserer Gesellschaft ebenfalls kennenlernen. Nicht aus Neugierde, sondern, um einen Beitrag zu leisten, um etwas Positives anzustossen." Sechs Jahre später entschloss sich auch seine Ehefrau Elisabeth (52), der Gruppe beizutreten. "Ich war zuerst sehr skeptisch, auf was sich mein Mann da eingelassen hatte. Zuerst traute ich mir dies gar nicht zu. Ich stellte es mir bedrohlich und belastend vor. Inzwischen sind jedoch schöne Beziehungen entstanden."

Starke Hierarchie, je nach Delikt
Die Mitglieder der Gesprächsgruppe sitzen zu zweit oder in kleinen Grüppchen mit den Gefangenen an Tischen. Letztere bestimmen das Thema. Oberstes Gebot für die Gruppenmitglieder: Über das Delikt wird nur gesprochen, wenn es der Gefangene wünscht. "Für viele Häftlinge ist es unmöglich, über ihre Tat zu reden. Andere haben gar keine Mühe damit. Häufig verändern sich ihre Versionen des Tathergangs, je länger sie im Gefängnis sind – sie werden dabei in der Regel immer unschuldiger", erzählt Granacher und fährt fort: "In den ersten sechs Jahren wandeln sich die Persönlichkeiten der Gefangenen stark – häufig im negativen Sinne. Alles wird ihnen vorgeschrieben. Ein Gefangener erzählte mir, er komme sich vor wie in einem Kühlschrank. Er möchte sich gar nicht positiv verändern. Er warte nur, bis die Zeit vorüber ist." Unter den Häftlingen herrscht zudem eine starke Hierarchie, je nach Delikt. Als besonders "edel" gelten offenbar Raubmorde und Überfälle. Auf der untersten Stufe bewegen sich die Sexualtäter. Elisabeth Granacher begleitet einen jungen Mann, der ein solches Verbrechen "der untersten Stufe" begangen hat. "Auf diese Gefangene wird gespuckt. Sie werden verachtet und gemieden, mit ihnen spricht sonst fast niemand." Die Mehrzahl der Insassen sind ausländischer Nationalität. Die meisten im Alter zwischen 20 und 35 Jahren mit einer wenig erfreulichen Kindheit. Viele von ihnen wurden wegen Drogenhandel oder Blutrache sprich Mord an Landsleuten in den Bostadel eingeliefert. Besonders unter den ausländischen Gefangenen können immer wieder Spannungen entstehen. "Während des Kosovo-Krieges wagten sich die serbischen Häftlinge nicht mehr in den Esssaal – aus Angst, von den zahlenmässig überlegenen Kosovo-Albanern angegriffen zu werden." Ein weiteres Problem stellt für viele Häftlinge die bevorstehende Entlassung in die Freiheit dar, so erstaunlich es klingen mag. Ausserhalb der Gefängnismauern wartet auf sie meist eine Welt ohne Bezugspersonen, da die Beziehungen während der Haft meistens in die Brüche gehen. Zwar erhalten die Entlassenen ein Startkapital, das sie jedoch nicht selten zur Tilgung früherer Schulden benötigen. Ausserdem ist es alles andere als einfach für einen Haftentlassenen, eine anständige Arbeit zu finden. Elisabeth Granacher kritisiert, dass viele Gefangene gar nie richtig gelernt haben, sich in die Gesellschaft zu integrieren. "Ich erinnere mich an einen jungen Mann, mit dem wir während der Haft regelmässigen Kontakt hatten. Als er entlassen wurde, mussten wir feststellen, dass er seinem neuen Leben in der Freiheit noch nicht gewachsen war."

Am Anfang nachts kein Auge zugetan
Edgar und Elisabeth Granacher stehen immer wieder in Verbindung mit ehemaligen Gefangenen aus dem Bostadel. Zum Beispiel mit jenem Mann, dessen Frau auch während seiner Haft zu ihm hielt, so dass er nun ein neues Leben aufbauen konnte. "Während der Haftzeit wandte er sich dem Buddhismus zu; so fand er einen neuen Lebensinhalt und wurde zu einem anderem Menschen. Auf die anderen Häftlinge hatte er einen grossen Einfluss. Der Mann ist einen langen Weg gegangen. Nun lebt er wieder mit seiner Frau zusammen. Doch der Integrationsprozess ist noch nicht abgeschlossen." Der Kontakt zu den Gefangenen geht an den Mitgliedern der Besuchergruppe nicht immer spurlos vorbei. "Am Anfang habe ich nachts häufig kein Auge zugetan", erzählt Edgar Granacher, der zusammen mit seiner Frau in der Meditation die nötige Verankerung findet. Sie hilft ihnen bei der Verarbeitung der zum Teil belastenden Gespräche mit den Gefangenen. Granacher erinnert sich, als er jenem jungen Mann gegenüber sass, der eine junge Frau im Auto erdrosselte. "Ich lass in der Zeitung über diese entsetzliche Tat. Und Wochen später sass der Täter plötzlich vor mir – das war schon <heavy>." Angst brauche man aber nicht zu haben. Elisabeth Granacher empfand allerdings eine Situation bedrohlich, als anlässlich einer Weihnachtsfeier einer der Gefangenen aggressiv wurde: "Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass diese Leute auch mal durchbrennen können. Normalerweise hat man nicht das Gefühl, man sitze vor einem Täter." Für den Erfahrungsaustausch bespricht sich die Gruppe unmittelbar nach dem Verabschieden der Gesprächsteilnehmer. Für die eigene Weiterbildung findet zweimal jährlich ein Treffen statt. In einem Gespräch mit dem Leiter der Gruppe wird die Eignung neuer Mitglieder abgeklärt. "Man muss sich gut überlegen, ob man dieser Aufgabe gewachsen ist. Es braucht Offenheit und Toleranz gegenüber den Gesprächspartnern, sowie ein soziales Interesse. Speziell die weiblichen Teilnehmerinnen sind extrem der Begierde der Insassen ausgesetzt. Eine gewisse Distanz schützt Teilnehmerinnen und Gefangene vor einer belastenden Beziehung und Abhängigkeit."

<Wenn du da bist, geht es uns immer gut.>
Schwester Reginalda Suter (66) vom Benedikterinnen-Kloster Heiligkreuz in Cham ZG kann sich noch gut an ihren ersten Tag im Bostadel erinnern: "Ich lief durch einen langen Gang. Irgendwie erinnerte es mich an unser Kloster – das Gebäude wurde in der selben Zeit erbaut und besitzt ebenfalls endlos lange Gänge. Die Gefangenen sassen zum Teil auf den Bänken vor der Telefonkabine oder warteten auf das Essen. Ich begrüsste sie und fand schnell Zugang zu ihnen. Ein Moslem kam auf mich zu und sagte: <Es ist uns eine grosse Ehre, dass sie zu uns kommen.>" Das war vor achteinhalb Jahren. Im September 1991 trat Schwester Reginalda ihre Stelle als Gefängnisseelsorgerin in der interkantonalen Strafanstalt Bostadel an. Eine Aufgabe, die offenbar nicht jedermanns oder jederfrau Sache ist, suchte doch die Gefängnisleitung bereits seit zwei Jahren vergeblich nach einer entsprechenden Person. "Eine Freundin machte mich auf die freie Stelle aufmerksam. Ich war interessiert und bewarb mich." Vor rund drei Jahren wurde sie auch vom Zuger Gefängnis Aabach für dieselbe Aufgabe angefragt und eingestellt. Ein mutiger Schritt. Mit grosser Sicherheit ist Schwester Reginalda die einzige Klosterfrau in der Schweiz, die als Gefängnisseelsorgerin in einer Strafanstalt für Männer im Einsatz steht. Bereut scheint sie ihren Entscheid nie zu haben. "Die Arbeit mit den Gefangenen brachte mir einen sehr weiten Horizont. Ich begegne diesen Menschen am Rand der Gesellschaft mit Verständnis und Liebe. Das ist für sie nicht selbstverständlich." Wenn Schwester Reginalda von den Gefangenen im Bostadel erzählt, spricht sie oft von "meinen Buben". Und für viele der Häftlinge ist sie einfach wie eine Mutter, die zweimal in der Woche nur für sie da ist. Vor allem die Männer aus den Oststaaten haben eine besonders intensive Beziehung zu ihren Müttern. "Manchmal sagen sie zu mir: <Wenn du da bist, geht es uns immer gut.>", berichtet die Gefängnisseelsorgerin. Hin und wieder nütze sie ihre Mutterrolle auch aus, nämlich dann, wenn sie ihren Schützlingen ins Gewissen reden muss. Nicht alle Gefangenen suchen jedoch das Gespräch mit der Seelsorgerin, aus Angst, als Schwächling dazustehen. Andere – dazu zählen anscheinend auch Drogenbosse – haben Respekt vor der Klosterfrau, die alles andere als auf den Kopf gefallen ist und schon gar nicht hinter dem Mond wohnt. Durch ihre frühere Tätigkeit mit Asylbewerbern sowie als Ausbilderin im klostereigenen Lehrerinnenseminar ist sie es gewohnt, mit unterschiedlichsten Menschen umzugehen. Angst, von einem Häftling angegriffen zu werden, empfindet sie bei ihrer Arbeit keine. "Täte mir einer etwas an, würde er von den andern arg drankommen", ist die Seelsorgerin überzeugt.

Undenkbar, von Schuld, Sühne oder Gott zu predigen
Schwester Reginalda erlebt die Gefangenen von einer Seite, die man bei ihnen nicht erwartet. "Die Männer haben sehr gute Manieren. Sie zeigen sich bei mir von einer Seite, welche die Gesellschaft gar nicht sehen will. Sie fragen mich, wie es mir geht, nehmen Anteil an meinem Leben. In unseren Gesprächen dürfen sie ihre Gefühle zeigen, dürfen lachen und weinen. Ich kann einen Gefangenen, dem es schlecht geht, schon mal in die Arme nehmen, um ihn zu trösten." Alles kommt dabei zur Sprache, was die Männer beschäftigt. Auch Sexualität und Beziehungsprobleme. "Mich erstaunt die schonungslose Offenheit der Gefangenen mir gegenüber." Oft bereite ihr das Leid der Gefangenen schlaflose Nächte. Sie erzählt von einem Mann aus einem Oststaat, dessen Mutter im Sterben liegt und unbedingt noch ihren Sohn sehen möchte. Oder von einem Häftling, der ihr seinen Selbstmord ankündigte und sein Testament vorlas. "Er liess sich nicht davon abbringen, kam jedoch zum Glück mit dem Leben davon." Natürlich sei es undenkbar, dass die Klosterfrau – mitten unter Drogenbossen, Sexualtätern und Männern mit Tötungsdelikten – von Schuld und Sühne oder gar von Gott predige. Doch nur schon die Tatsache, dass sich jemand Zeit nimmt für sie, habe mit Religiosität und Gott zu tun.

Der Strafvollzug der Zukunft bereitet Schwester Reginalda Kummer. "Ich sehe nicht viel Positives auf die Häftlinge zukommen. Die Schraube dürfte noch mehr angezogen, die Massnahmen bei Gemeingefährlichen noch härter werden. Ich bin von dieser Art des Strafvollzugs nicht überzeugt. Es braucht unter anderem eine vermehrte psychologische Betreuung. Ein Psychologe für 108 Gefangene ist einfach zu wenig." Die Gefängnisseelsorgerin möchte weiterhin für ihre "Buben" da sein, solange es Kopf und Beine erlauben. Eins steht fest: Es wird schwierig sein, einmal eine gute Nachfolge für die engagierte Klosterfrau zu finden.


Ausbruchspläne, Verschwörungen...

Auszug aus dem Reglement der Gesprächsgruppe der Strafanstalt Bostadel: Bei jedem Eintritt ins Gefängnis ist ein gültiger Ausweis mit Foto vorzuweisen. Es ist ausdrücklich untersagt, Gegenstände (Geschenke, Wertsachen, Geld, Esswaren, Zeitungen, Bücher, usw.) ins Gefängnis mitzunehmen. Geschenke können aber jederzeit mit der Post geschickt werden. Ausgehende Post darf keinesfalls mitgenommen werden. Die Mitglieder der Gesprächsgruppe unterstehen nicht der amtlichen Schweigepflicht. Es ist ihnen trotzdem strikte untersagt, gegenüber Dritten Namen oder Angaben über Gesprächsinhalte zu machen, welche die Identifizierung eines Gesprächspartners ermöglichen. Wer in einem Gespräch von Selbstmordabsichten, Ausbruchsplänen, Verschwörungen gegenüber anderen Insassen, usw. erfährt, teilt dies unverzüglich dem Leiter der Gesprächsgruppe mit. Eine weitergehende Informationspflicht oder Verantwortung besteht nicht.